Wasungen
- Johann Valentin Meder
- David Bernhard und Johann Gabriel Meder
- Melchior Vulpius
Johann Valentin Meder: Matthäus-Passion - Höret das Leiden
Johann Valentin Meder, * (get. 3.) Mai 1649 in Wasungen (Werra), † Ende Juli 1719 in Riga; seine Brüder David Bernhard, Geburts- und Sterbedaten unbekannt, Johann Friedrich, * (get. 9.) Okt. 1639 in Wasungen, † 29. Dez. 1689 daselbst, Johann Nikolaus, Geburts- und Sterbedaten unbekannt. Maternus, Geburts- und Sterbedaten unbekannt. Vielleicht von einem der Genannten abstammend: Johann Gabriel, Geburts- und Sterbedaten unbekannt. - Johann Valentin Meder war ein Sohn des Wasunger Kantors Johann Erhard Meder und jüngster von fünf Brüdern. Er stud. 1669 in Leipzig, dann in Jena, war 1671 Sänger in Eisenach und Gotha, 1673 zu Bremen, 1674 zu Lübeck, wo sich Buxtehude in sein ergiebiges Stammbuch eintrug. Von hier aus besuchte er seinen Bruder in Kopenhagen, wurde 1679 Kantor am Gymnasium zu Reval (nach Davidsson 1674-1679 in Reval) und ist 1685/86 ohne Amt in Riga nachweisbar. 1686 wurde er als Nachf. B. Erbens Kpm. an St. Marien in Danzig. 1688 heiratete er Constantia Fink. 1695 führte er in Danzig eine deutsche Oper Nero auf; das Textbuch gehörte zu N.A. Strungks gleichnamiger Leipziger Oper, aus der Meder auch einige Musik-Nrn. übernahm. 1699 bat er den Rat vergeblich um Erlaubnis, eine zweite Oper, Die wiederverehligte Coelia, aufzuführen; daher bot er sie nahebei in Schottland (Westpreußen) an, was ihn das Wohlwollen des Danziger Magistrats kostete. Meder wich 1699 schuldenhalber aus Danzig und ging über Braunsberg nach Königsberg, wo er 1700 Domkantor wurde. Noch im selben Jahr erhielt er die Leitung des Domchors und das Org.-Amt an der Domorgel in Riga. Hier schrieb er viele Gelegenheitswerke; in einer Trauermusik bearbeitete er wunschgemäß Frobergers »Memento mori«, lehnte aber weitere derartige Arr. aus Stilgründen ab. Seinen Notennachlaß übergab der Sohn, der Notar Erhard Nikolaus Meder, 1719 dem Rat des damals schwed. Riga. Er bestand aus 37 Part. und 93 Kirchenstücken (darunter Messen, Magnificats, Passionen, geistl. Konzerte, sämtl. verschollen).
In seinen erhaltenen Werken ähnelt Meder an stilistischer Spannweite dem Vokalmeister Buxtehude: in der Passion dem »Popularbarock« zugewandt, nähert er sich in dem Konzert »In tribulatione« dem »romant. Barock« (Ph. Spitta, Moser): schon die Ausdrucksintensität der Instr.-Einl. hier wie in manchen geistl. Konzerten zeigt starke Gegensätze: schwere, langsame Synkopenketten, dann peitschende Punktierungen im Vivace, teilweise mit Doppelechos (p. pp). In der textlichen Gestaltung zeigt er sich als beachtenswerter Ausdrucksmusiker, stilistisch seinem Vorgänger, Balthasar Erben, nahe. Die Verspottung des »poln. Prachers« gehört in die Polemik nach Art der Beer-, Printz-, Kuhnauschen Präzedenzstreite wider das Bettelmusikantentum.Werke. A. Opern: Nero (G.C. Corradi nach Carlo Pallavicino), Libretto Danzig StB, Musik verschollen; Die wiederverehligte Coelia, Libretto ehem. Petersburg, Kais. Bibl., Musik verschollen; Die befreyete Andromeda, Ballettoper, verschollen.
B. Geistliche Werke: Passionsor. nach Matthäus, DStB Berlin Mus. Ms. autogr., z.Z. verlagert; »In tribulatione invocavimus«, Solokant, f. Sopr., 4 V., Fg., Bc., ebda. Mus. 30 236; dass. f. Sopr. u. Bc. (Bibl. Wolfenbüttel Ms. 294); Musicalischer Dialogus auf bevorstehendes Hl. Weyhnachtsfest, 1686, verschollen; »Wünschet Jerusalem Glück« u. »Preise, Jerusalem«, 2 Mot. »auf den Kühr-Tag musiciret« f. je 3 Orch. u. 2 Chöre, 1686 u. 1687, Danzig StB Ms. 4038; Kürmusik zur Ratswahl am 17. März 1698; »Gott, der du wehlst die Regenten auf Erden« f. 3 Chöre, Textbuch ebda., Oe 18, Musik verschollen; Motetto concertato: »Singet, lobsinget m. Herzen u. Zungen« f. Solo-Sopr., A., T., B., Ripienchor, 2 V., Va., Vc., 2 Ob., Fg., ebda. Ms. Joh. 192; »Ach Herr, mich armen Sünder«, Choralkont. f.C., A., T., B., V. discordato, 2 Va., Violone, ebda. Ms. Joh. 191; Himmlische Valet Music: »Herzlich tut mich verlangen« (»Valet will ich dir geben«) f. Sopr., A., T., B., V. dulcisono, 2 Va., Vc., Violone, 2 Fl. dolci, 2 Ob., Fg., Org., ebda. Ms. Joh. 194; Andächtige Communion Musique: »Meine Seel säuffzt u. stöhnet«, »fatta di Riga, 29. 7br. 1714« 1. 4 v., 5 Viole, 2 Ob., Fg., ebda. Mus. Joh. 193; 2 geistl. Lieder, 1698, verschollen; 6 geistl. Lieder, verschollen. In Uppsala, UB, Slg. Düben, Vokalmusik i handskrift: »In principio erat verbum« f. Sopr., 2 V., Bc., Sign. 85:27; »Gott hilf mir« f.B., 4 V., Bc., Sign. 61:5; »Leben wir, so leben wir dem Herrn« f. Solosopr. u. Chor, Sopr., A., T., B., 2 V., Va. da gamba, Vc. u. Bc., Sign. 61:6; »Quid est hoc, quod sentio« f. Sopr., A., B., 2 V., Va. da gamba, Bc., Sign. 61:7; »Sufficit nunc Domine« f. 2 Sopr., V., 4 Va. da gamba, Bc., Sign. 61:8; »Vox mitte clamorem« f. 2 Sopr., T., 3 V., Bc., Sign. 61:9; »Die höllische Schlange« (EitnerQ unter »Begrüßet seystu holdseelige«) f. 2 Sopr., T., B., 2 V., 2 Va. da braccio, Violone, Bc., Sign. 28:4; »Ach Herr, strafe mich nicht« f. Solosopr., 2 V., Violone, Bc., Sign. 28:5; »Gott, du bist ders.« f. Sopr., T., B., 2 V., Alt-Va., 2 Clarini vel Trombone, Vc., Bc., ad lib.: Timpani, Sign. 28:6; »Gott, mein Herz ist bereit« f. 2 Sopr., B., 2 V., Alt-Va., Baß-Va., Bc., ad lib.: 2 Ob., Fg., Sign. 28:7; »Jubilate Deo« f. Solo-B., V., Clarino, Bc., Sign. 28:8; »Wie murren denn die Leut im Leben also« - »Rigae d. 3. Octob: 1684« in Dialogo, A., B., 2 V., 2 Va., Fg., Bc., Sign. 28:9.
C. Weltliche Werke: Der Poln. Pracher m. seiner aus einem alten Babilonischen Weidenstock zugehauenen, m. verschiedenen ausgedörreten Aals- (Bolte: Kalbs-)häuten geflickten, m. dritthalb Paar verrosten Eisernen Seiten bezogenen u.m. einem an einem alten Fingerhut hengenden Feder Kiel gespielten Pandur, nebst seinen erbärmlich schön singenden Discantisten Pachole in einen Musicalischen Concentum v. 5 Instr. formiret, 1689, Danzig StB, Ms. Joh. 190; »Vor- Jahrs Erstlinge«, Gratulationskompos., gedr. Riga 1685, Uppsala UB, Personal verser över enskilda, in 2° 1680-89 [Vegesack]; Trio Chaconne f. »Dessus«, »2 Dessus«, B.u. »Clavecyn« (Bearb. aus den verschollenen Capricci?), ebda., Instr. i handskrift 56:6; Capricci f. 2 V.u. Org.-Begl., gedr. Danzig 1698, nach Mattheson, verschollen.Literatur: J. Bolte, J.V. Meder in VfMw VII1891; ders. in SIMG I, 1899; ders., Das Danziger Theater im 16. u. 17. Jh., Hbg. 1895 (= Theatergeschichtliche Forschungen XII); A. Davidsson, Musikbibliogr. Beitr. in Uppsala Universitets Årsskrift IX, Uppsala/Wiesbaden 1954: Gerber ATL; O. Günther, Musikgeschichtliches aus Danzigs Vergangenheit in Mitt. des Westpreuß. Geschichtsver. 1911; ders., Kat. der Hss. der Danziger Stadtbibl., Tl. 4 Die mus. Hss. der Stadtbibl. u. der in ihrer Verwaltung befindlichen Kirchenbibl. v. St. Katharinen u. St. Johannis in Danzig, Danzig 1911; W. Lott, Zur Geschichte der Passionsmusiken auf Danziger Boden m. Bevorzugung der oratorischen Passion in AfMw VII, 1925; J. Mattheson, Grundlage einer Ehrenpforte, Hbg. 1740, Neudr. v.M. Schneider, Bln. 1910; Miscellanea Musica I; H.J. Moser, Die Musik der deutschen Stämme, Wien/Stg. 1956; H. Rauschning, Geschichte der Musik u. Musikpflege in Danzig, Danzig 1931.
Christiane Engelbrecht
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Meder (Familie). Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 50032 (vgl. MGG Bd. 08, S. 1887 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
David Bernhard Meder war um 1672 angesehener Org. an der Frauenkirche in Kopenhagen; Johann Friedrich erbte das Kantorenamt seines Vaters in Wasungen; Johann Nikolaus war um 1671 Kantor in Salzungen; Maternus hatte eine Org.-Stelle in Meiningen inne, war 1672 in Rothenburg und nahm 1680 die Wasunger Orgel ab.
Johann Gabriel Meder aus Erfurt war seit etwa 1755 in Amsterdam als Musiklehrer und Dir. der Winterkonzerte tätig. Wohl für diese schrieb er (nach Gerber ATL) seine Kompos.
Werke: Je sechs Sinf. à 8 op. 1, op. 2, op. 3 (um 1786); 3 Sinf. à 12 (1782); Symph. périodique à 8, Amsterdam o.J.; 3 Symph. f. großes Orch., op. 10, Bln. o.J., Hummel; 6 Marches f. Orch., Bln. o.J.
Literatur: J. Bolte, J.V. Meder in VfMw VII1891; ders. in SIMG I, 1899; ders., Das Danziger Theater im 16. u. 17. Jh., Hbg. 1895 (= Theatergeschichtliche Forschungen XII); A. Davidsson, Musikbibliogr. Beitr. in Uppsala Universitets Årsskrift IX, Uppsala/Wiesbaden 1954: Gerber ATL; O. Günther, Musikgeschichtliches aus Danzigs Vergangenheit in Mitt. des Westpreuß. Geschichtsver. 1911; ders., Kat. der Hss. der Danziger Stadtbibl., Tl. 4 Die mus. Hss. der Stadtbibl. u. der in ihrer Verwaltung befindlichen Kirchenbibl. v. St. Katharinen u. St. Johannis in Danzig, Danzig 1911; W. Lott, Zur Geschichte der Passionsmusiken auf Danziger Boden m. Bevorzugung der oratorischen Passion in AfMw VII, 1925; J. Mattheson, Grundlage einer Ehrenpforte, Hbg. 1740, Neudr. v.M. Schneider, Bln. 1910; Miscellanea Musica I; H.J. Moser, Die Musik der deutschen Stämme, Wien/Stg. 1956; H. Rauschning, Geschichte der Musik u. Musikpflege in Danzig, Danzig 1931.
Christiane Engelbrecht
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Meder (Familie). Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 50032 (vgl. MGG Bd. 08, S. 1887 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
Melchior Vulpius: Ascendente jesu in naviculam
Melchior Vulpius (bis in die Schleusinger Zeit Fuchs, so mitunter noch während des Weimarer Kantorats), * um 1570 (das in der älteren Lit. vertretene frühe Geburtsdatum um 1560 ist nicht haltbar) in Wasungen b. Meiningen (Grafschaft Henneberg), bestattet 7. Aug. 1615 in Weimar. Bis zum Jahre 1588 sind über Vulpius, der aus einer armen Handwerkerfamilie stammte, keinerlei Nachrichten erhalten. Wahrscheinlich besuchte er zunächst die Stadtschule von Wasungen und wurde hier auch von J. Steuerlein unterrichtet. 1588 war Vulpius »Condiscipulus« von Chr. Th. Walliser in Speyer und vermittelte diesem die »Musicae poëticae principia« (M. Sebitz, 317); im Frühjahr 1589 begab er sich abermals »nach Speier seine bucher von dannen abzuholen« (Brief Th. Schallers vom 4. März 1589). Über den Wasunger und Speyerer Schulbesuch hinaus scheint Melchior Vulpius (im Gegensatz zu seinem Bruder Martin, der »gratis« in Jena stud.) keine wiss. und mus. Ausbildung genossen zu haben; jedenfalls ist ein Univ.-Studium weder nachweisbar noch angesichts seines nur langsamen späteren beruflichen Aufstiegs und der sich nur allmählich bessernden armseligen wirtschaftlichen Verhältnisse wahrscheinlich. So liegt auch der Nachdruck in empfehlenden Schreiben des Wasunger Hofpredigers A. Scherdiger ganz auf des Vulpius »herlicher Musicalischer vena« (21. Febr. 1589), auf dem »guthen Kerl ... quem adhuc syncerum in religione esse intheligo« (20. Mai 1589), während von einem auszeichnenden Bildungsweg nie die Rede ist. - Nach seiner Heirat (vor dem 20. Mai 1589) erhielt er zunächst eine Anstellung als außerplanmäßiger Adjunkt des Quintus beim Lateinunterricht der Sexta am Gymnasium in Schleusingen. Wie seine Kollegen, führte auch er, der »Inferius non ordinarius«, dessen Leistungen »ihm proportionaliter seiner muhe, non ordinarie verlohnet« wurden, Nebenamt und Nebentitel: er war »der Componist« und hatte geistl. Lieder und Motetten für den Schleusinger Gottesdienst zu schreiben. Im Jahre 1591 erscheint Vulpius, inzwischen mit dem Amt des »Cantor choralis« betraut, als »Sextus ordinarius« in den Kastenrechnungen, also nun an letzter Stelle des Lehrerkollegiums. 1592 wurde ihm auch das Amt des »Cantor figuralis« übertragen, 1594 ein eigener Adjunkt beigegeben. Seit 1592 war Vulpius demnach Sextus, beiderlei Kantor und Komp. in einer Person. Aus dem Jahre 1595 stammt die erste Nachricht über einen (verschollenen) Druck von Motetten des Vulpius. Bereits am 13. Febr. 1591 hatte er vom Leipziger Rat zwei Taler für einen diesem dedizierten (nicht identifizierten) »Cantus« erhalten (R. Wustmann, Mg. Leipzigs I, 205). Auf die Schleusinger Zeit könnte nach H. H. Eggebrecht (Mf III, 1950, 144) auch schon die ursprüngliche Fassung der Matthäus-Passion zurückgehen. - Aus den noch immer recht bescheidenen Verhältnissen in Schleusingen wurde Vulpius im Herbst 1596 als Nachf. W. Zirckels in das Weimarer Stadtkantorat berufen, das er bis zu seinem Tode innehatte. Waren die erhaltenen Schriftstücke über Persönlichkeit und nähere Lebensumstände schon für die bisherige Zeit rar, so fehlen sie für die Dauer des Weimarer Wirkens fast völlig. Es ist jedoch nicht zu bezweifeln, daß das Leben des »dienstfleißigen« (Ev. Sprüche II, Vorr.) Kantors von nun an wirtschaftlich gesichert, »ruhig und gleichmäßig« (A. Aber, 137) verlief. Im Jahre 1601 stellte Vulpius einen erfolgreichen Antrag auf kursächs. Rechtsschutz seiner Interessen an der Veröff. »etlicher muteten zu 6. 7. 8. vnd mehr stimmen ... aus den Psalmis Davidicis vnd den gewöhnlichen Sontags Evangelien« (s. MGG XIII, Taf. 61), die er 1602 und 1603 als Tl. I und II der Cantiones sacrae im Druck herausgab; 1611 wurde ihm dieses Privileg auf weitere zehn Jahre verlängert und zugleich auf »ein Neues wercklein deuzscher Sonntäglicher Ev. Sprüche« sowie auf »alle künfftige seine compositiones« ausgedehnt.
In der mg. ereignisreichen Zeit um und nach 1600 steht der Schulmann, Kantor und Komp. Melchior Vulpius als der »Inbegriff des reinen Bewahrers« (H. H. Eggebrecht, Schneider-Fs., 88). Gewiß haben die vielfältigen kompos. Anregungen des beginnenden 17. Jh. auch in seinem Werk ihren Niederschlag gefunden. Die mehrchörige Anlage vieler der bis zu 18st. Cantiones sacrae wie die häufig angestrebte mehrchörige Wirkung oder die wachsende Bevorzugung dominantisch-harmonischer Bildungen ermöglichen eine geschichtliche Einordnung ebenso sicher wie die hohe Zahl neuer Andachtslieder im Kantional von 1609 oder das Fortfallen veralteter Notenzeichen und die Revision der Ligaturen-Lehre in der Neufassung des Faberschen Compendiums. Wesentlicher indes sind jene Züge in seinem Werk, die auf die reformatorischen Bemühungen um eine schlichte und »auch an denen Orten, da die Cantoreien schwach« (Ev. Sprüche I, Vorr.), leicht aufführbare KM. zurückweisen. Die zahlreichen (meist geringst.) Aliter- Sätze in der Passion, der Magnificat-Slg. und den Kantionalien, die (für die Hälfte der Sonntage vorliegenden, in der St.-Zahl stets unterschiedenen) Doppelkompos. biblischer Texte im Motettenwerk sind wohl gerade auch unter solcher Zielsetzung entstanden; die Andeutungen psalmodischer Deklamation in einigen Motetten, die weitgehende Abhängigkeit der Passion von den berühmten Vorbildern J. Walters und J. Meilands oder das gänzliche Fehlen von Gb. und selbständigen Instrumental-St. weisen Vulpius als einen konservativen, im Dienst der traditionsbewußten kirchl. Musikpflege abseits der Zentren aufgehenden Kleinmeister aus. Steht er, was die mg. Bedeutung betrifft, also im Schatten der großen Zeitgenossen, so hat er mit rund 400 Kantionalsätzen und 192 (überkommenen) Motetten (einschließlich der Magnificat-Kompos.) dennoch einen wichtigen Beitr. zum Standardrepertoire der Kirchen- und Schulchöre seiner Zeit geleistet; dank der etwa 35 ihm zugeschriebenen Kirchenliedmelodien gilt er als »einer der gesegnetsten Melodisten« der ev. Kirche (H. J. Moser, Die ev. KM., 87). In zahlreichen Neuaufl. und Abschr. seiner Kompos. wie in ehrenden Erwähnungen und Empfehlungen im Schrifttum des 17. Jh. manifestiert sich eine langanhaltende Popularität und Wertschätzung.Werke. A. Kompositionen (chronologisch nach Druckjahren; die nach EitnerQ angeführten Drucke sind vernichtet oder verschollen): Druck einiger Mot., Erfurt 1595 oder früher (verschollen); Pars prima Cantionum sacrarum cum sex, septem, octo, et pluribus v. concinnatarum, Jena 1602, S. Richtzenhan, 2/1610; Pars secunda selectissimarum Cantionum sacrarum, ebda. 1603, 2/1610, 3/1611; Kirchen Geseng vnd Geistliche Lieder D. Martini Lutheri vnd anderer frommen Christen, so in der Christl. Gemeine zu Weymar ... 4-5 v., mehrentheils auff zwey oder dreyerley art, mit besonderm fleis contrapunctsweise, Lpz. 1604, H. Birnstiel (2 der hierin mehrst. gesetzten Liedweisen sind Vulpius zuzuschreiben), 2. Aufl. Ein schön geistlich GsgB., Jena 1609, J. Weidner (31 der hierin mehrst. gesetzten Liedweisen sind Vulpius zuzuschreiben); Canticum Beatissimae Virginis Mariae 4-6 u. mehr St., Jena 1605, Chr. Lippold; Felicibus connubiis ... Schärfii 8v., ebda. 1608 (EitnerQ); Auspicatissimis nuptiis ... Joh. Poppi, civis Vinariensis ... et Mariae ... Langii, Jena 1609, J. Weidner; Epigramma quo nuptiis Dn. Joan. Fliegelii ... per musicos numeros ... congratulabatur Joh. Gebawer, Liegnitz 1609, N. Sartorius (aus Cantiones sacrae I m. neuem Text; EitnerQ); Opusculum novum selectissimarum Cantionum sacrarum 4-8 v., Erfurt 1610, M. Wittel; Erster Theil Deutscher Sontäglicher Ev. Sprüche vom Advent biß auff Trinitatis 4v., Jena 1612, J. Weidner, 2/1615, 3/1619; Das Leiden vnnd Sterben Unsers Herrn Erlösers Jesu Christi, auß dem heiligen Evangelisten Matthäo 4v., Erfurt 1613, M. Wittel; Der ander Theil Deutscher Sontäglicher Ev. Sprüche v. Trinitatis biß auff Advent, 4 u. mehr St., Jena 1614, J. Weidner, 2/1617, 3/1619, 4/1622; Nuptiis Ebaldo-Langianis 12v., ebda. 1614 (EitnerQ).
B. Theoretische Schrift: Musicae Compendium latino-germanicum, M. Heinrici Fabri ... aliquantulum variatum ac dispositum, cum facili brevique de Modis tractatu, Jena 1610, J. Weidner, 2/1614, 3/1620, 4/1624, 5/1626, 6/1636, 7/1653, 8/1665.Ausgaben. A. Kirchenliedweisen und Kantionalsätze: A. André, Lehrbuch der Tonsetzkunst I, Offenbach/Main 1832, J. André; C. v. Winterfeld, Der ev. Kirchengsg. I, Musikbeil., Lpz. 1843, B & H; ders., Zur Geschichte hl. Tonkunst I, ebda. 1850 (Dedikation des Kantionals v. 1604); L. Erk u. Fr. Filitz, Vierst. Choralsätze, 1. Theil, Essen 1845, Bädeker; G. v. Tucher, Schatz des ev. Kirchengsg., 2. Theil, Lpz. 1848, B & H; C. F. Becker, Kirchengsge. berühmter Meister, H. II u. IV, Dresden o. J., W. Paul; J. H. Lützel, Kirchl. Chorgsge., Zweibrücken 1861. J. Ch. Herbart; G. Rebling, Slg. deutscher ev. Kirchengsge. in Musica sacra XIII, hrsg. v. G. Bock, Bln. 1862. Bote & Bock; L. Schoeberlein u. Fr. Riegel, Schatz des liturg. Chor- u. Gemeindegsg., 3 Bde., Göttingen 1865-1872, V & R; L. Schoeberlein, Musica sacra f. höhere Schulen, ebda. 1869; J. Zahn, Die Melodien der deutschen ev. Kirchenlieder I-IV, Gütersloh 1889-1891, Bertelsmann; Fr. Zelle, Ein feste Burg ist unser Gott in Wiss. Beil. zum Jahresber. der Zehnten Realschule (Höhern Bürgerschule) zu Berlin, Ostern 1895, Bln. 1895, R. Gaertner; ders., Ein feste Burg ist unser Gott II, ebda. 1896; R. Heyden, Weihnachtsliedsätze, Kassel 1929, BVK; R. Gölz, Chor-GsgB., ebda. 1934; E. Mauersberger, 4. Singh. des Thür. Landesverbandes ev. Kirchenchöre, Eisenach 1937; Hdb. der deutschen ev. KM. I, 2. Tl., Göttingen 1942, V & R; H. H. Eggebrecht, Phil. Diss. (s. Lit.), Notenanh.; Ev. Kirchen-GsgB. - B. Motetten (einschließlich der Magnificat-Kompos.): Fr. Rochlitz, Slg. vorzüglicher Gsg.-Stücke I, 2. Tl., Mainz, Paris, Antwerpen 1838, Schott; J.-Napoleon Ney, Fürst v. der Moskova, Recueil des morceaux VI, Paris o. J., Pacini; C. F. Becker, Kirchengsge. berühmter Meister, Dresden o. J., W. Paul; ders., Mehrst. Gsge. berühmter Componisten des XVI. Jh., ebda. o. J.; J. Chr. Weeber u. Fr. Krauss, Kirchl. Chorgsge., H. III, Stg. 1857, G. Ebner; L. Schoeberlein, Musica sacra; Hdb. der deutschen ev. KM. II, 1. Tl., Göttingen 1935, V & R; H. H. Eggebrecht, Phil. Diss. (s. Lit.), Notenanh.; ders., Melchior Vulpius, Sonntägl. Evangeliensprüche f. das Kirchenjahr (1612), Kassel u. Basel 1950, BVK; ders., 2 Mot. in Concordia Motet Series, Series B, Saint Louis, Missouri 1953, Concordia Publishing House; H. Nitsche u. H. Stern, Melchior Vulpius, Deutsche Sonntägl. Evangeliensprüche v. Advent bis Trinitatis 1612, Stg. 1960, Hänssler; A. Sutkowski u. A. Osostowicz-Sutkowska, The Pelplin Tablature. A Thematic Catalogue in Antiquitates Musicae in Polonia I, Warschau u. Graz 1963, Polish Scientific Publishers Warszawa u. Akad. Druck- u. Verlagsanstalt (nur Incipits). - C. Passion: Hrsg. v. K. Ziebler, Kassel 1933, BVK. Literatur: M. Sebitz, Strassburgischen Gymnasii Christliches Jubelfest ... 1638 Celebrirt vnd begangen, Straßburg 1641 (Appendix, 317f.: Biogr. Wallisers); C. v. Winterfeld, Der ev. Kirchengsg. I, Lpz. 1843, B & H; ders., Zur Geschichte hl. Tonkunst I, ebda. 1850; FétisB; E. E. Koch, Geschichte des Kirchenlieds u. Kirchengsg; 1. Haupttheil, Bd. II, Stg. 3/1867, Chr. Belser; EitnerQ; J. Richter, Zwei aufgefundene Passionsmusiken in MfM XI, 1879, 71ff.; ders., Mitt. über ein Druckex. der Matthäus-Passion v. Melchior Vulpius, ebda. XII, 1880, 189; A. Bähre, Christoph Thomas Walliser in Fs. zur Feier des 350jähr. Bestehens des Prot. Gymnasiums zu Straßburg, 1. Tl., Straßburg 1888, Heitz, 355ff.; O. Kade, Die ältere Passionskompos., Gütersloh 1893, Bertelsmann; J. Zahn, Die Melodien der deutschen ev. Kirchenlieder V u. VI, ebda. 1892 u. 1893; S. Kümmerle, Encyklopädie der ev. KM. III, ebda. 1894; A. Aber, Die Pflege der Musik unter den Wettinern u. wettinischen Ernestinern, Bückeburg u. Lpz. 1921, C. F. W. Siegel; Fr. Blume, Die ev. KM. in BückenH, Potsdam 1931, Athenaion, Kassel 2/1965, BVK; H. J. Moser, Geschichte der deutschen Musik I, Stg. u. Bln. 4/1926, Cotta; ders., Die mehrst. Vertonung des Evangeliums, 1. Tl., Lpz. 1931, B & H; ders., Heinrich Schütz, Kassel 2/1954, BVK; ders., Die ev. KM. in Deutschland, Bln. u. Darmstadt 1954, Merseburger; R. Gerber, Das Passionsrezitativ bei Schütz u. seine stilgeschichtlichen Grundlagen, Gütersloh 1929, Bertelsmann; Hdb. der deutschen ev. KM., hrsg. v. K. Ameln, Chr. Mahrenholz, W. Thomas u. C. Gerhardt, Bd. I, 2. Tl., u. Bd. II, 1. Tl., Göttingen 1942 u. 1935, V & R; G. Kraft, Die thür. Musikkultur um 1600 I, Würzburg 1941, Triltsch; H. H. Eggebrecht, Melchior Vulpius, Phil. Diss. Jena 1949 (mschr.); ders., Melchior Vulpius in MuK 20, 1950, 158ff.; ders., Die Matthäus-Passion v. Melchior Vulpius (1613) in Mf III, 1950, 143ff.; ders., Die Kirchenweisen v. Melchior Vulpius in MuK 23, 1953, 52ff.; ders., Das Leben des Melchior Vulpius in Fs. Max Schneider, Lpz. 1955, Deutscher Verlag f. Musik, 87ff.; W. Braun, Zur Passionspflege in Delitzsch unter Christoph Schultze in AfMw X, 1953, 158ff.; M. Jenny, Melchior Vulpius: Uns ist ein Kind geboren in Der ev. Kirchenchor 59, 1954, 24ff.; S. Fornaçon, Hinunter ist der Sonnen Schein in Jb. f. Hymnologie u. Liturgik I, 1955, 118ff.; W. Lueken u. O. Michaelis, Lebensbilder der Liederdichter u. Melodisten in Hdb. zum Ev. Kirchen-GsgB. II, 1. Tl., Göttingen 1957, V & R; W. Blankenburg, Geschichte der Melodien des Ev. Kirchen-GsgB. Ein Abriß, ebda. II, 2. Tl., 1957; ders., Der gottesdienstliche Liedgsg. der Gemeinde u. Der mehrst. Gsg. u. die konzertierende Musik im ev. Gottesdienst in Leiturgia IV, Kassel 1961, Stauda; O. Brodde, Ev. Choralkunde, ebda.; H. D. Metzgefr u. H. Stern, Melchior Vulpius. Zur 400. Wiederkehr seines Geburtsjahres in Württ. Blätter f. KM. 27, 1960, 90ff.; H. Pohlmann, Die kursächs. Komp.-Privilegien in AfMw 18, 1961, 155ff.; ders., Die Frühgeschichte des mus. Urheberrechts (ca. 1400 bis 1800), Kassel 1962, BVK; briefliche Mitt. der Musikbibl. der Stadt Leipzig, der Staats- und UB Hamburg, der DStB Berlin u. der RISM-Zentralstelle Kassel.
Fritz Reckow
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Vulpius, Melchior. Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 79116 (vgl. MGG Bd. 14, S. 45 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
