Meiningen
- Musikgeschichte
- Rudolf Baumbach
- Ludwig Bechstein
Das "Henneberger Haus" in MeiningenI. Vorreformatorische Zeugnisse.
Seit etwa 1000 zum Bistum Würzburg gehörig, später Vorort der Grafschaft Henneberg, wurde Meiningen 1680 durch Herzog Bernhard I. zur Residenz des Herzogtums Sachsen-Meiningen erhoben, das bis 1918 bestand. Vorreformatorische Musikzeugnisse sind spärlich und beziehen sich mehr auf die Grafschaft Henneberg als auf die Stadt Meiningen. Cyriacus Spangenberg berichtet von hier über eine 1501 gehaltene Jubelfeier »mit grosser Solennität im Thurn mit singen, orgeln und stattlichem Geläute gar herrlich (cum omnibus Vicariis Chori, Clericis, Choralibus & Plebanis)«. Aus klösterlichem Besitz wies Ludwig Bechstein Missalien, ein Psalterium sowie ein in den Meininger Musikslgn. befindliches Trumscheit nach. Ein Bericht von E. Koch über die Ausbildung des Pagen »Künzlein« (1481) am Weimarischen Hofe zeugt ebenso für die mus. Interessen der hennebergischen Grafen. - Mit Andreas Ornitoparchus (»Ostrofranci Meyningensis«) und Paul Schedius Melissus (Mellrichstadt oder Mehlis) treten zu Beginn des 16. Jh. zwei hervorragende Persönlichkeiten der deutschen Mg. aus diesem landschaftlichen Bereich hervor.II. Das 16. bis 17. Jahrhundert.
Die Reformation wurde 1543/44 in Meiningen und Henneberg eingeführt. Eine von J. Wolff mitget. und beschriebene seidengewirkte Tischdecke aus hennebergischem Besitz (1568) zeigt Musiziergruppen und Kompos. Über Schulchöre und Schulspiele liegen Berichte aus Meiningen und benachbarten Orten vor. Der Meininger Kanzler Sebastian Glaser war mit hervorragenden Musikerpersönlichkeiten wie St. Zirler und L. Schroeter befreundet. Von dem 1613 in Meiningen verstorbenen Komp., Stadtschreiber und »poeta laureatus« Johann Steuerlein sind eine im Landesarch. Meiningen aufbewahrte Trauermotette »Intereunt iusti« auf den Tod des Grafen Poppo von Henneberg und von Jakob Meiland zu Passionen aus den Chb. Schleusingen bekannt. 1546 wurde nach dem Bericht des Meininger Chronisten Güth »durch einen Orgelmacher von Nürnberg, Meister Niclaus Kopffen die Orgel aus dem Kloster zu Meiningen in die Stadtkirchen transferriret«, 1596 durch den »Orgelmacher von Erffurt Martin Sömmering umb ein gantz neues Orgel-Werck contrahiret«. Selbständiger Orgelbau ist vom 17. Jh. an bezeugt. Zeugnisse der mus. Praxis sind auch das Sendschreiben: de Hymnopoeos Hennebergenses von Ludovici und die 4bändige Lieder- Historie des Meininger Hymnologen J. Caspar Wetzel (* 1691).III. Die Barock-Zeit.
Über die Blüte der »frühdeutschen Oper« in Meiningen berichtet E.W. Böhme eingehend. Ballett- und Komödienauff. sind ab 1677 bezeugt; ab 1691 fanden hier regelmäßig musikdramatische Darbietungen statt. Begünstigt durch den Schloßneubau der Elisabethenburg entstand in der Folge ein fruchtbarer Austausch mit auswärtigen Opernbühnen (Eisenach, Braunschweig, Gotha, Coburg). Als Leiter der sich weiterhin formierenden Hofkapelle sind W.C. Briegel, W. Mylius, G.C. Schürmann und der aus der Wechmarer Stammlinie kommende Begründer der »Meininger Bach-Linie«, Johann Ludwig Bach (ab 1703 als Hofkantor), bekannt. Infolge der dynastischen Verbindung zum Braunschweiger Hof wechselten Musiker aus Meiningen mit Braunschweig und umgekehrt (G.C. Schürmann, G. Körner), ebenso nach Stift Gandersheim (Bach, Freislich). Mit seinen Meininger Vettern stand J.S. Bach mehrfach in Verbindung; sein wiederholter Aufenthalt 1717 in Meiningen steht in einer vermutlichen Verbindung zur Dedikation der Brdbg. Konzerte. Bemerkenswerte musikdramatische Auff. waren (nach Böhme): Eintracht der Tugend (1703), Sieg der Liebe (1704), Galatea (1706), Telemach (1706, Schürmann), Jubel-Freude (1717, J.L. Bach) sowie zahlreiche Singspiele (»operetgen«), Ballette, Tafel- Musiken, Mus. Auftritt (1710) und Vier Jahres-Zeiten (1713). - Mit Meiningen verbunden war in jener Zeit die Org.- und Kantoren-Familie Meder (J.N. Meder, Kantor, Maternus Meder, Org., J.E. Meder, Kantor, J. Valentin Meder, Komp.). Im Dienste der Hofkapelle stand nach seiner Tätigkeit in Hildburghausen, Römhild und Durlach der Komp. J. Ph. Käfer. Die Reihe hervorragender Musikerpersönlichkeiten aus dem Meininger Hinterland weist seit der Reformation eine Fülle von Namen auf, die über ihren Heimat- und Wirkungskreis bekannt wurden.IV. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Nach vorübergehender Stagnation entwickelte sich unter Herzog Friedrich Wilhelm (1724-1746) die Hofkapelle weiter. Nachf. J.L. Bachs wurden ab 1731 der hervorragende Violinist G.F. Staude und später J. Th. Keyßner; unter Herzog Karl war Kammermusikus Johann M. Feiler tätig. Das Orch. galt als »vortrefflich«. Im Winter 1781 wurden zwanzig Konzerte veranstaltet. »Bei den Kammermusiken spielte Herzog Karl das Cello, seine Gemahlin Luise die Hf. und sein Bruder Herzog Georg die V.« (O. Güntzel). 1807 folgten regelmäßige Abonnementskonzerte und Gastspiele außerhalb. Unter Herzog Bernhard II. Erich Freund (ab 1821) und unter der Leitung des Kpm. E. Grund wurde die Kapelle auf 25 Mitgl. verstärkt und »als eine der besten Kapellen Deutschlands gerühmt« (Güntzel). Unter Kpm. Jean Josef Bott (1857-1865) folgten Konzerte großen Stils, unter Einschluß von Chormusik (Singakad., Singver.). Unter der Intendanz des Freiherrn Rochus von Liliencron wurde besonders klass. Musik getrieben. Mit J.J. Bott und Chr. F. Nohr, beide Schüler von L. Spohr, und in einer sich bildenden Traditionsgruppe von hervorragenden Cellisten wie J.J. Kriegk, J.F. Dotzauer, F. August Kummer und G. Knoop trat das virtuose Element hervor. Bedeutende Musikpädagogen wie J.M. Anding, Chr. K. André, D. Elster, J.P. Heuschkel (Hildburghausen, Lehrer von C.M. von Weber) und W. Chr. Müller (Wasungen, Meiningen, Bremen) vervollständigen das Bild einer starken Resonanz dieser mus. Tradition. Mit dem um eine ausgezeichnete Seminar-Musikpflege verdienten J.M. Anding verbindet sich die Vldf. Südthür. (Ludwig Bechstein, B. Spieß, Rudolf Baumbach und Andreas Zöllner, sämtl. Meiningen). - Die Oper erlebte nach ihrer frühbarocken Blüte einen zweiten Höhepunkt mit der Errichtung der bürgerl. Liebhabertheater-Ges. am 6. Sept. 1781 (als Auftakt Die Jagd von Hiller). Zu gleicher Zeit fanden auch im Schloß unter der Regie von Schillers Schwager Reinwald mus. Auff. statt, die durch Wandertruppen belebt wurden (u.a. Weber'sche Ges.). Unter Herzog Bernhard II. Erich Freund († 1866) wurde zwar der Neubau des Theaters 1831 mit Aubers Fra Diavolo eröffnet, jedoch im Jahre 1860 mit der Theaterreform Herzog Georgs II. die Oper aufgegeben. Umso wichtiger wurde nunmehr neben dem berühmten Schauspiel die Landeskapelle; »die Meininger« waren im späten 19. Jh. eines der bedeutendsten deutschen Orch. Nach der Berufung Hans von Bülows (7. Nov. 1880) zum Nachf. Emil Büchners setzte eine außerordentlich lebendige Tätigkeit ein. Künstler wie R. Strauss, Fritz Steinbach, W. Berger, M. Reger, S. Wagner, Richard Wetz, M. von Schillings wurden nach Meiningen verpflichtet. Das Orch. wuchs zeitweise auf über hundert Mitgl. Als Gastdgtn. waren L. Spohr, F. Liszt, R. Wagner und J. Brahms tätig. Eine Versammlung des Deutschen Tonkünstler-Ver. vom 20.-25. Aug. 1867 mit 157 auswärtigen Künstlern und unter der Protektion von F. Liszt erlangte geschichtliche Berühmtheit. Zahlreiche Meininger Musiker (z.B. der mit Brahms befreundete Klar.-Virtuos Mühlfeld) wurden von R. Wagner regelmäßig in sein Bayreuther Orch. verpflichtet. - In den mw. Slgn., die der um diese Entwicklung verdiente Ehrenbürger der Stadt Ottomar Güntzel († 1959) in Verbindung mit dem Theatermuseum und dem von Weimar nach Meiningen verlegten Max Reger-Arch. (beides im ehemaligen Schloß) ausbaute, ist ein reicher Schatz an Dok. und Erinnerungen zu diesem bedeutsamen Abschn. der deutschen Kulturgeschichte erhalten. Wertvolle Repertoire-Slgn. enthält das Arch. der Landeskapelle, die aus Wien im 18. Jh. kopiert wurden. - Heute (1960) verfügt Meiningen über ein lebendiges Musikleben, dessen Träger neben der Landeskapelle (Leitung: R. Reuter) auch die neuerrichtete Volksmusikschule, mit Außenstellen im Bezirk Suhl, ist.Literatur (Ausw.): C. Spangenberg, Hennebergische Chronica, Straßburg 1599; J.S. Güth, Polygraphia Meiningensis, Meiningen 1676; G. Kraft, Die thür. Musikkultur um 1600 I u. II, Würzburg 1940; V. Hertel, Geschichte des Kirchenliedes in der Sachsen-Meiningischen Landeskirche = H. 35 u. 49 der Schriften des Ver. f. Sachsen-Meiningische Geschichte u. Landeskunde, Hildburghausen 1920f.; A. Humann, Analekten zur Sachsen-Meiningischen Kirchen- u. Schulgeschichte, ebda. 1918; B. Spieß, Volkstümliches aus dem Fränk.-Hennebergischen, Schleusingen 1869; L. Bechstein, Mitt. aus dem Leben der Herzöge zu Sachsen-Meiningen, Halle 1856; E. Koch, Musikpflege am Hofe der Grafen zu Henneberg in Meininger Tagebl. 1908, Nr. 257; H. Kretzschmar, Ein Abend bei den mus. Meiningern in Gesammelte Aufsätze, Lpz. 1910; Chr. Mühlfeld, Die Herzogl. Hofkapelle zu Meiningen in Neue Beitr. zur Geschichte des deutschen Altertums 23, Meiningen 1910/11; G.F. Schmidt, G.C. Schürmann, Leben u. Werke, Phil. Diss. München 1913; H. Poppen, 50 Jahre Meininger Mg. in Beitr. zur Geschichte des deutschen Altertums 34, Schmalkalden 1929; F. Stein, Festvortrag zur Musikpädagogischen Woche, Meiningen 1929, Ms.; G. Kraft, Mg. der Grafschaft Henneberg (1930), Ms.; E.W. Böhme, Die frühdeutsche Oper in Thür., Stadtroda 1931; O. Güntzel, Vom Werden u. Wirken der Meininger Landeskapelle in Festbuch zum Max Reger-Fest 1937; Chr. Mühlfeld, Musikerkat. des Landesarch. Meiningen, Ms.; G. Kraft, Mg. der Stadt Meiningen in Monographien zur thür. Mg., 1958.
Günther Kraft
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Meiningen. Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 50142 (vgl. MGG Bd. 08, S. 1911 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
Rudolf Baumbach, (Ps. Paul Bach), 28. 9. 1840 Kranichfeld/Ilm - 21. 9. 1905 Meiningen; Arztsohn, Vater Hofmedikus des Herzogs von Meiningen; 1850-60 Gymnas. Meiningen, 1860-64 Stud. Botanik Leipzig, Würzburg, Heidelberg, 1864 Dr. phil., Fortsetzung der Stud. in Freiburg/Br. und Wien zwecks Habilitation durch Vermögensverlust unterbrochen; Haus- und Schullehrer in Wien, Graz, Brünn, Görz, Pisa, Triest; gab dort auf Drängen s. Freunde 3 Bde. ›Enzian‹ mit eigenen Beiträgen heraus und wurde freier Schriftsteller, seit 1885 in Meinungen, 1888 Hofratstitel; Lebensende nach schwerer Krankheit. - Neben J. Wolff Vertreter der von den Naturalisten verspotteten ›Butzenscheibenlyrik‹ in verwässernder Nachfolge Scheffels, innerlich unwahrer, liebenswürdig-oberflächl. Lyrik und epigonaler Versepik von reimgewandter, melod. und rhythm. glatter Form und z. T. burschikosem Humor; am volkstümlichsten die ›Lindenwirtin‹ u. a. Studentenlieder.
& WERKE: Samiel hilft!, Aut. 1867; Zlatorog, Alpensage 1877; Lieder eines fahrenden Gesellen, G. 1878; Trug-Gold, E. 1878; Horand und Hilde, Ep. 1878; Neue Lieder eines fahrenden Gesellen, G. 1880; Frau Holde, Ep. 1880; Sommermärchen, 1881; Von der Landstraße, G. 1882; Spielmannslieder, 1882; Mein Frühjahr, G. 1882; Abenteuer und Schwänke, En. 1883; Wanderlieder aus den Alpen, G. 1883; Das Lied vom Hütes, 1883; Der Pathe des Todes, Ep. 1884; Erzählungen und Märchen, 1885; Krug und Tintenfaß, G. 1887; Kaiser Max und seine Jäger, Ep. 1888; Es war einmal, M. 1889; Thüringer Lieder, 1891; Der Gesangverein Brüllaria und sein Stiftungsfest, E. 1893; Neue Märchen, 1894; Aus der Jugendzeit, En. 1895; Bunte Blätter, G. 1897.
LITERATUR: A. Selka 1924; E. Diez 1933.
[Autorenlexikon: Baumbach, Rudolf. Wilpert: Lexikon der Weltliteratur, S. 1194 (vgl. Wilpert-LdW, Autoren, S. 127 ff.) (c) Alfred Kröner Verlag ]
Ludwig Bechstein, 24. 11. 1801 Weimar - 14. 5. 1860 Meiningen, früh verwaist, 1818 Apothekerlehrling in Arnstadt, Meiningen und Salzungen, 1828 Stipendium des Herzogs Bernhard von Sachsen-Meiningen für s. ›Sonettenkränze‹. 1829 Stud. Philosophie, Geschichte und Literatur Leipzig, 1830 München, hier Verkehr mit Spindler, Pocci, Chezy, Duller und Maßmann. 1831 herzogl. Kabinettsbibliothekar in Meiningen, 1831 1. Bibliothekar der öff. Bibliothek, 1840 Hofrat, seit 1844 am hennebergischen Gesamtarchiv, 1848 Archivar ebda. - Leidenschaftsloser, z. T. trivialer Lyriker u. Erzähler aus Thüringens Land u. Geschichte; breite, spannungsarme hist. Romane; später Massenproduktion. Bedeutend als Sammler heim. Märchen und Sagen in echtem Märchenton und als Hrsg.
& WERKE: Mährchenbilder und Erzählungen, 1829; Die Hilmons-Kinder, G. 1830; Erzählungen und Phantasiestücke, IV 1831; Arabesken, Nn. 1832; Novellen und Phantasiegemälde, II 1832; Grimmenthal, R. 1833; Der Fürstentag, R. II 1834; Novellen und Phantasieblüthen, II 1835; Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes, IV 1835-38; Gedichte, 1836; Fahrten eines Musikanten, Nn. III 1836 f.; Grumbach, R. 1839; Aus Heimat und Fremde, En. II 1839; Clarinette, R. III 1840; Deutsches Märchenbuch, 1845; Berthold der Student, R. II 1850; Deutsches Sagenbuch, 1853; Hainsterne, En. IV 1853; Der Dunkelgraf, R. II 1854; Neues deutsches Märchenbuch, 1856; Thüringer Sagenbuch, II 1858; Thüringens Königshaus, Ep. 1860. - Sämtl. Märchen, 1965, 1979 u. ö.
LITERATUR: T. Linschmann, 1907; K. Boost, Diss. Würzb. 1925.
[Autorenlexikon: Bechstein, Ludwig. Wilpert: Lexikon der Weltliteratur, S. 1238(vgl. Wilpert-LdW, Autoren, S. 132 ff.) (c) Alfred Kröner Verlag]

