Immelborn
- Maximilian Dietrich Freißlich
- Johann Balthasar Christian Freißlich
Maximilian Dietrich Freißlich (Freislich, Fraißlich), get. 6. Febr. 1673 in Immelborn b. Bad Salzungen, † 10. Apr. 1731 in Danzig; sein Halbbruder Johann Balthasar Christian, get. 30. März 1687 in Immelborn, † 1764 in Danzig. - Der Vater Johann Weigold (Wigaläus) Freißlich (* 1619 in München, † 1689 in Immelborn) war von 1658 bis zu seinem Tod Pfarrer in Immelborn. Er hatte insgesamt 13 Kinder, von denen Brückner (s. Lit.) außer den beiden Danziger Kpm. noch zwei weitere Söhne als Musiker nennt: Johann Tobias (get. 20. Febr. 1675; Quintus und Org. in Salzungen) und Johann Wigaläus (get. 2. Apr. 1679; 1701 in den Rechnungen von St. Marien in Danzig als Musiker genannt). - Maximilian Dietrich Freißlich, der älteste Sohn Johann Weigolds aus dessen zweiter Ehe mit Elisabeth Margarete geb. Reymann, kam nach J. Mattheson bereits in jungen Jahren zu dem seit 1686 als Kpm. an St. Marien in Danzig wirkenden J. V. Meder. Da dieser ihn »ein Jahr lang in Kost und Behausung frey gehalten« (Mattheson), wird er aufgrund der in der Ordnung der Musik zur Pfarrkirchen von 1687 (abgedr. bei Rauschning, s. Lit., 282) festgelegten Verpflichtung des Kpm., vier Knaben aufzunehmen, als Sängerknabe nach Danzig gekommen sein. Gleichzeitig unterrichtete Meder ihn in der Kompos., »wie er eine Fuge und einen Contrapunct ausarbeiten müsse« (Mattheson). Nachdem Meder 1699 schuldenhalber aus Danzig geflohen war, wurde Freißlich sein Nachf. als Kpm. Damit oblag ihm in erster Linie die Figuralmusik an St. Marien, für die ihm durchschnittlich fünf Berufssänger, zehn Instrumentalisten und zusätzlich noch etwa fünf Schulkollegen (Lehrer) und vier Sängerknaben zur Verfügung standen. Außerdem hatte er bei festlichen Anlässen der Stadt im Danziger Gymnasium für die Musik zu sorgen. Nach Rauschning hat Freißlich am 24. Nov. 1707 in Danzig geheiratet. Die zu kleine Kirchenwohnung gab ihm, wie schon seinem Vorgänger, Anlaß zur Klage. 1715 reichte er infolge mangelnder Einkünfte ein Gesuch ein, nebenbei »das Brauwesen führen zu dürfen«. Trotz solcher, die Musikausübung hindernden Umstände versah Freißlich bis zu seinem Tode das Kpm.-Amt an St. Marien und nahm das mit diesem Amt verbundene Recht in Anspruch, die Musik zu allen Festlichkeiten, z.B. bei Hochzeiten und Begräbnissen, gegen Vergütung zu liefern. Diese Gelegenheitswerke und fast alle der üblicherweise bei solchen Anlässen verteilten Textdrucke sind nicht mehr erhalten.
Die Texte des Kantaten-Jg. von M. D. Freißlich zeigen den Umfang und die Gliederung der Musik für die Vor- und Nachmittagsgottesdienste an Festtagen. Die einzige erhaltene Kompos., das »Dixit Dominus«, ist fast durchweg im imitierenden Satz geschrieben und zeigt ein solides handwerkliches Können. Der Text bestimmt die Gliederung in sieben Tle., wobei chorische mit solistisch angelegten Tln. abwechseln.Werke (nur die wenigen in Danzig, Biblioteka Polskiej Akademii Nauk, erh. Werke): Ps. 109 »Dixit Dominus« f. 2 Sopr., A., T. u. B. concertato u. ripieno (1726), hs. Part. u. St., Ms. Joh. 133; Texte Zur Kirchen-Music auff die sämtl. Fest-Tage durchs gantze Jahr In der Haupt- u. Pfarr-Kirchen zu St. Marjen in Dantsig Vom Advent 1708 biß dahin 1709 musiciret, Danzig, J. Z. Stolle (Musik nicht erh.); Die Freyheit in Banden, Hochzeitsmusik, nur Textdruck erh.
Franz Keßler
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Freißlich (Familie). Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 24535 (vgl. MGG Bd. 16, S. 355 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
Johann Balthasar Christian Freißlich war der jüngste Sohn des Immelborner Pfarrers aus dessen dritter Ehe mit Katharina geb. Bachmann aus Salzungen. Vor der Übernahme des Danziger Kpm.-Amtes 1731 als Nachf. seines Halbbruders Maximilian Dietrich war er spätestens 1720, trotz gleichzeitiger Bewerbung G. H. Stölzels, zum Hofkpm. in Sondershausen ernannt worden. Hier komp. er bereits eine Matthäuspassion, die 1720 in Sondershausen und im gleichen Jahr auch in Danzig (St. Johann) aufgef. wurde. Nach Danzig muß Freißlich schon vor 1731 gekommen sein; das beweisen Eintragungen in den Kirchenbüchern von St. Marien, wonach ihm in Danzig 1730 eine Tochter und in den darauffolgenden Jahren noch vier weitere Kinder geb. wurden. Von seiner Kpm.-Zeit an St. Marien sind nur wenige Angaben überliefert. Ein Beschwerdeschreiben der Ratsmusiker von 1740 mit entsprechender Stellungnahme Freißlichs zeigt, daß er, wie sein Vorgänger, auf Nebenverdienste angewiesen war. Sein Schwiegersohn Friedrich Christian Mohrheim (1718-1780), der ihm in seinen letzten Lebensjahren als Vizekpm. zur Seite stand, wurde sein Nachfolger.
Rauschning nennt als kompos. Eigenart von J. B. Chr. Freißlich »die Bevorzugung des Weichen, Klagenden oder Lieblichen« mit dem Zurücktreten imitatorischer Arbeit. Seine melodischen und harmonischen Einfälle zeigen ital. Einflüsse. Als ausgesprochene Eigenart, die sich schon früher in Danzig entwickelt hatte, sind weitgespannte Koloraturen, besonders in der Baßregion, auffallend. Mit einer Überarbeitung der schon 1720 in Sondershausen entstandenen Matthäuspassion beteiligte sich Freißlich an der seit der Mitte des 17. Jh. bekannten Tradition, den Passionstext mit Einschüben lyrischer Dichtung mus. vorzutragen. Seine um 1750 neu komp. Brockes-Passion stellt nach Rauschning »das Beste des Freißlich'schen Schaffens dar«. Das Schwergewicht liegt dabei in ausdruckskräftigen Solopartien, die besonders in ariosen Rezitativen eine außerordentliche Farbigkeit und Lebendigkeit erreichen. Seine zahlreichen Kirchenkompos. und Gelegenheitswerke weisen ihn als den produktivsten und angesehensten Musiker seiner Zeit in Danzig aus.Werke. A. In Danzig, Biblioteka Polskiej Akademii Nauk (Mss. u. Textbücher erh.). 1. Passionsmusiken (f. Soli, Chor u. Orch.): Passio Christi Matth. XXVI et seqq., Ms. Joh. 1; Passio Christi (B. H. Brockes), Ms. Joh. 20. - 2. Kirchenkantaten (meistens f. Soli, Chor u. Orch., auch f. Soli m. Orch. oder Instr., 1 Kant. f. 2 Chöre u. Orch.): »Christus ist um unser Sünde willen«, Ms. Joh. 10; »Das ist meine Freude«, Ms. Joh. 22; »Der Tod ist verschlungen in den Sieg«, Ms. Joh. 32; »Du angenehmer Fund« (1729), Ms. Joh. 16; »Ehre sei Gott in der Höhe«, Ms. Joh. 2; »Er ist darum f. alle gest.«, Ms. Joh. 5; »Ertönt ihr Hütten der Gerechten« (1741), Ms. Joh. 30; »Gnädiger Regen, himmlischer Segen«, Ms. Joh. 12; »Gott ist die Liebe«, Ms. Joh. 18; »Ich will den Herrn loben allezeit«. Ms. Joh. 36; »Jauchzet dem Herrn alle Welt«, Ms. Joh. 17; »Lobe den Herrn meine Seele«, Ms. Joh. 3; »Willkommen Erlöser«, Ms. Joh. 4; »Wünschet Jerusalem Glück« (1760), Ms. Joh. 9. - Von O. Günther Freißlich zugeschrieben: »Bestelle dein Haus«, Ms. Joh. 26; »Der Tod ist verschlungen in den Sieg«, Ms. Joh. 33; »Ehre sei Gott in der Höhe«, Ms. Joh. 23; »Ertönt ihr Hütten der Gerechten«, Ms. Joh. 31; »Fürchte dich nicht«, Ms. Joh. 21; »Hers, bedenke was du bist«, Ms. Joh. 24; »Jauchzet fröhlich, ihr Gerechten«, Ms. Joh. 296; »Taube des Himmels«, Ms. Joh. 29. - 3. Gelegenheitskantaten (meistens f. Soli, Chor u. Orch., auch f. Solost, m. Orch. oder Instr.): »Alles was v. Gott geb.«, Trauerkant., Ms. Joh. 27; »Auf Danzig, laß in jauchzenden Chören«, Jubiläumskant. (1754), Ms. Joh. 15; »Auf, ihr muntre Musensöhne«, Schulkant. (1753), Ms. Joh. 25; »Das nicht sehen, so wir lieben«. Hochzeitskant., Ms. Joh. 13; »Der Herr dein Gott sei gelobet«. Geburtstagskant. (1755), Ms. Joh. 19; »Der Herr ist m. dir«. Kürkant., Ms. Joh. 28; »Die Gnade des Herrn währet v. Ewigkeit«, dass. (1754), Ms. Joh. 6; »Durch mich regieren die Könige«, dass. (1755), Ms. Joh. 7; »Eilet, ihr beglückten Schiffe«, Kaffee- u. Teekant., Ms. Joh. 11; »Gedenke deinem Knechte«, Trauerkant. (1753), Ms. Joh. 35; »Gott sei uns gnädig«. Kürkant. (1756), Ms. Joh. 8; »Kinder der Musen«, Schulkant. (1749), Ms. Joh. 37; »Wo nicht Rat ist«. Kürkant., Ms. Joh. 14. - Von 14 weiteren Gelegenheitskant. nur Textbücher erh. - 4. Choräle (f. Chor u. Instr.): »Lobet den Herrn«, »Herr, straf mich nicht«, »Lobt Gott, ihr Christen allzugleich«, »Allein Gott in der Höh sei Her«, »Du bist der, auf den wir für u. für hoffen«, »Bewahr mich, Herr« u. »Nun laßt uns den Leib begraben«, Ms. Joh. 34; »Allein zu dir, Herr Jesu Christ«, Ms. Cath. f. 94. - Außerdem 1 Magnificat f. B.solo u. Instr., Ms. Joh. 443. - Seit 1945 verschollen sind eine unvollst. Matthäuspassion, die Choralbearb. »Ich ruf zu dir«, die Schulkant. »O ewige Weisheit«, die Gelegenheitskant. »Turbabor« u. 8 Choralsätze (v. O. Günther Freißlich zugeschrieben), Mss. früher ebenfalls in Danzig.
B. In Sondershausen, Kreisbibliothek (nach Auskunft der Wiss. Allg.-Bibl. Erfurt): ein fast vollst. Kant.-Jg. bis zum 26. Sonntag nach Trinitatis (ohne Weihnachts-, Oster- u. Pfingstfesttage), HSM 14 (1-36) u. HSM 15 (37-66); Ps. 100 »Jauchzet, jauchzet«, HSM 15 (67); 1 Kant. zum Fürstengeburtstag, 1 Serenada »Was hör ich«, 1 Brunnen-Kant, u. 1 Operina Die verliebte Nonne (unvollst.), HSM 15 (69-72). - Ferner nach B. S. Brook, The Breitkopf Thematic Catalogue ... 1762-1787, New York 1966, Sp. 126, v. Freißlich eine Sonata a Clavicemb. obligato con Violino.Literatur: J. Adlung, Anleitung zu der mus. Gelahrtheit, Erfurt 1758, Facs.-Ausg. hrsg. v. H. J. Moser, Kassel u. Basel 1953, BVK, 711; J. Bolte, J. V. Meder in VfMw VII, 1891, 46; G. Brückner, Pfarrbuch der Diöcesen Meiningen, Wasungen u. Salzungen in Neue Beitr. zur Geschichte deutschen Alterthums, 2. Lfg., Meiningen 1863, Gadow & Sohn, 645f.; E. Dadder, Joh. G. Goldberg in BJ 20, 1923, 59; G. Döring, Zur Geschichte der Musik in Preußen, Elbing 1852, F. W. Neumann-Hartmann, 59; EitnerQ; H. Engel, Art. Danzig in MGG II, Sp. 1906; ders., Musik in Thür., Köln-Graz 1966, Böhlau, 31ff.; GerberATL; O. Günther, Kat. der Hss. der Danziger Stadtbibl., Tl. 4 Die mus. Hss. der Stadtbibl. u. der in ihrer Verwahrung befindlichen Kirchenbibl. v. St. Katharinen u. St. Johann in Danzig, Danzig 1911; ders., Musikgeschichtliches aus Danzigs Vergangenheit in Mitt. des westpreuß. Geschichtsver. X, 1911, 22; Fr. Keßler, Die ev. KM. in Danzig z.Z. J. S. Bachs in Gottesdienst u. KM., 1969, 152-159 u. 201-207; G. Löschin, Geschichte Danzigs II, Danzig 1822, J. C. Alberti, 197; W. Lott, Zur Geschichte der Passionskompos. v. 1650-1800 in AfMw III, 1921, 292; ders., Zur Geschichte der Passionsmusiken auf Danziger Boden m. Bevorzugung der oratorischen Passionen, ebda. VII, 1925, 297-328; J. Mattheson, Grundlage einer Ehren-Pforte, Hbg. 1740, Neudr. hrsg. v. M. Schneider, Bln. 1910, Liepmannssohn, fotomech. Nachdr. Kassel usw. u. Graz 1969, BVK u. Akad. Druck- u. Verlagsanstalt, 218; Mendel - Reißmann; J. Müller- Blattau, Ost- u. Westpreuß. Musik im 18. Jh. in Jb. der Albertus-Univ. zu Königsberg/Pr. IV, 1954, 159; ders., Geschichte der Musik in Ost- u. Westpreußen, Wolfenbüttel-Zürich 2/1968, Möseler, 88; Neue Deutsche Biogr. V, Bln. 1961, Duncker & Humblot, 399f.; M. Pelczar, Art. Freißlich in Polski Slownik Biograficzny (Poln. biogr. Lex.) VII/2, hrsg. v. W. Konopczynski, Krakau 1948; H. Rauschning, Geschichte der Musik u. Musikpflege in Danzig (= Quellen u. Darstellungen zur Geschichte Westpreußens 15), Danzig 1931. - Mitt. aus Taufregister u. Kirchenbuch der Gemeinde Immelborn durch Herrn Pfarrer F. Sensenschmidt, Bad Salzungen.
Franz Keßler
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Freißlich (Familie). Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 24535 (vgl. MGG Bd. 16, S. 355 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
