Musikgeschichte Eisenachs
Um Eisenachs Beitr. zur deutschen Musikkultur zu erfassen, müssen neben der musikalischen Veranlagung seines Volksstammes auch seine geographische Lage und seine wechselvolle Geschichte herangezogen werden. Schon die keltisch-germ. Siedlung »Isenacha« war ein wichtiger Knotenpunkt; hier lag die Vereinigung der beiden Hessen-Straßen mit der Kreuzung einer Nord-Südachse. Solange Thüringen und Hessen vereinigt waren, galt Eisenach als Mittelpunkt eines weiten mitteldeutschen Raumes. Da Thüringen nach Einführung des Christentums (Eisenach 724) kein Bistum erhielt, erfolgte die polare Erfassung von der politischen Seite aus. An dieser entscheidenden Stelle des MA. steht die Erbauung der Wartburg durch Ludwig den Springer, angeblich 1067. Burg und Stadt bilden seither eine Schicksalsgemeinschaft, die in der deutschen Geistesgeschichte eine bedeutsame Rolle gespielt hat. - Landgraf Hermann I. (1190 - 1217), der schon in jungen Jahren im Gefolge Kaiser Friedrichs I. Italien kennengelernt hatte, war durch den Besuch der Pariser Univ. auch mit den Meistern der ars antiqua und der provenz. Liedkunst in Fühlung gekommen. Mit seinem Regierungsantritt verlegte er seine Hofhaltung von der Neuenburg a.d. Unstrut nach Eisenach und machte die Stadt zu einem Sammelplatz der Sänger und Dichter. Ihr kampffrohes Wett- und Rätselsingen wird erstmals aufgezeichnet vom Chronisten der Annales Reinhardbrunnenses, die die Jahre 1026 bis 1335 umfassen und offenbar auf andere Überlieferungen zurückgreifen (s. Der Singerkriec uf Wartburc, Gedicht aus dem 13. Jh., hrsg. v. L. Ettmüller, Ilmenau 1830). Als Zeitpunkt für dieses internationale Preissingen, um den edelsten Fürsten des Abendlandes festzustellen, wird 1206/07 angegeben. Da die Wartburg in dieser Zeit schon eine größere Hofhaltung aufnehmen konnte, wie durch neueren Baubefund nachgewiesen wird, so ist der Minnesängersaal als Stätte des historischen Ereignisses anzusprechen. Der Reinhardsbrunner Mönch Berthold, der die Aufzeichnungen wenige Jahrzehnte später als Reisekaplan des Landgrafen Ludwig IV. machte, muß aus Erlebnisberichten geschöpft haben, so daß nach Abzug späterer Interpolationen der Kern als Geschichte zu werten ist. Nach diesem Bericht, den die Manessesche Liederhs. (14. Jh.) bildlich bestätigt, nahmen am Minnesängerkrieg teil: Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Reinmar der Zweter (nicht »der Alte)«, Klingsor von Ungarland, Heinrich von Ofterdingen (vermutlich »Afterdingen)«, Heinrich von Risbach (der Kanzler und »tugendhafte Schreiber)« und Herr Biterolf. Die Forschung hat die drei letzten als Angehörige des Eisenacher Hofes erkannt. Über den geistigen Hochstand und das gesellschaftliche Treiben des gastfreien Musenhofes geben Dichtungen und Gesänge Walthers und Wolframs überzeugende Auskunft. Walthers Besuche liegen zwischen 1204 und 1211. Er kennt nicht nur das ritterliche Minnelied, er überliefert auch das Erbgut der fahrenden Volkssänger und ist als Sänger der ersten vaterländischen Lieder anzusehen. Wolfram werden nur kürzere Besuche zugesprochen. Daß er das 6. und 7. Buch des Parzival in Eisenach schrieb, wird angenommen. Von seinem letzten großen Werke Willehalm wissen wir, daß der Fürst ihm den Stoff verschaffte. Noch als Pfalzgraf auf der Neuenburg hatte der Sängerlandgraf den Schöpfer der mhd. höfischen Dichtung, Heinrich von Veldeke, nach Thüringen geholt, der hier 1184 sein bedeutendstes Epos, die Eneide, vollendete. Von anderen Minnesängern sind zu nennen: Herbort von Fritzlar, der den Trojanischen Krieg, und Albrecht von Halberstadt, der Ovids Metamorphosen in deutsche Verse brachte, sowie Heinrich von Morungen, einer der besten Liedgestalter. Daß die Dichtungen der Minnesänger musikalisch geformt waren, ist bekannt. Selbst die großen Schöpfungen fanden im Wechselgesang, von einem oder mehreren Saiteninstr. (Fidel, Rotte, Hf.) begleitet, einen dramatischen Vortrag. Nach dem Tode Hermanns I. hat kein Minnesänger den Landgrafenhof mehr betreten.
Die Wartburg, der Schauplatz des Sängerkrieges, bei EisenachMit Ludwig IV., dem Heiligen, unterlag das Fürstenhaus der Macht der Kirche. In der Persönlichkeit der jungen Landgräfin, der späteren heiligen Elisabeth, lag diese Macht verankert. Legende und Kult widmen ihr eine schwärmerische Verehrung, deren Einfluß die Kunst aller christlichen Länder sich nicht entziehen konnte. Die Kirche schuf sich auch in der Stadt Eisenach starke Positionen. Die Stadtmauer umschloß 17 Kirchen und Kapellen. Im Mittelpunkt des kirchlichen Lebens stand die dreitürmige Kirche Unser lieben Frauen, im Volksmund »Thumb« (Dom) genannt, die aber im Bauernkrieg 1525 zerstört wurde. Von den größeren Kirchen sind nur die Landgrafenkirche St. Georg und die roman. Nicolaikirche auf die Gegenwart gekommen. Bereits 1294 wird Reinhold von Weberstädt als Praeceptor und Kantor an der Frauenkirche genannt, der auch Johannes Rothe († 1434), der Eisenacher Chronist, als Stiftskanonikus angehörte. Auch Rothe verschweigt uns, ob neben der planen Choralmusik schon die musica mensurata eingeführt wurde. Daß es der Klerus an liturgischem Glanze nicht hat fehlen lassen, ist bei der Bedeutung der Landgrafenstadt nicht zu bezweifeln. Auch weilten Kaiser Ludwig der Bayer 1335, Kaiser Karl IV. 1349 hier, um Rechtsgeschäfte des Reiches zu regeln. Dem Schaubedürfnis des breiten Volkes kamen Priester und Mönche seit dem 12. Jh. durch Mysterienspiele entgegen. Von der Art ihrer Dichtungen besitzen wir ein sehr bedeutendes historisches Zeugnis, leider ohne Musik, das »Spiel von den zehn klugen und törichten Jungfrauen«. Es übte mit seinem Verdammungsurteil (1321 im Tiergarten) eine so packende Wirkung auf den Landgrafen Friedrich den Gebissenen aus, daß ein Schlaganfall seinen baldigen Tod herbeiführte. - Der Übergang vom Minnesang zum Meistersang ist nicht nachweisbar, doch wird die Sangesfreudigkeit der Thüringer von allen Chronisten betont. Ein findiger Lateiner fand in dem Namen Isenacum die beiden Anagramme: »en musica« und »en canimus«. Dieser Chronist, Chr. Fr. Paullini, berichtet (1698), daß die Schüler des Dominikanerklosters seit dem frühen MA. als »Curendarii« singend durch die Stadt zogen. Noch heute singt die Kurrende in den Straßen. Von 1498 bis 1501 gehörte ihr Martin Luther als Lateinschüler an. Da seine Mutter, eine geborene Lindemann, aus Eisenach stammte, war der Knabe bei Verwandten untergebracht. 20 Jahre später (1521/22) übersetzte er, auf der Wartburg in Schutzhaft gehalten, das Neue Testament. Nach Niederschlagen des Bauernaufstandes griff Luther selbst in die Ordnung der kirchlichen Verhältnisse Eisenachs ein. Der erste prot. Kantor war Michael Himmel (1525 - 1536). Die Folge aller Kantoren bis auf die Gegenwart liegt lückenlos vor. Die frühesten waren zugleich Lehrer der Lateinschule. Zu den wichtigsten gehört Wolfgang Zeuner. Seine Zeitgenossen loben ihn, weil er den cantus figuralis förderte; wir verdanken ihm das um 1540 geschriebene große Cantional, das erhalten blieb. Aus diesem prot. Kantorenbuch, mit lat. Gesängen von Josquin des Prés, Jakob Obrecht, Petrus de Larue, Adam Renerus, Johannes Galliculus, Johann Walter, Thomas Stoltzer, Heinrich Isaak, Ludwig Senfl, Heinrich Finck, Conrad Rein, Anton Musa sangen die Chorknaben noch im 17. Jh. Wohl alle Kantoren haben komp., aber nicht von allen sind Werke erhalten. Von Theodor Schuchard (1643 - 1671) bezeugt die doppelchörige Motette »Nun danket alle Gott«, vermutlich zur Feier des Friedensschlusses 1648, daß hier ein tüchtiger Musiker am Werke gewesen ist. Andreas Schmidt (1671 - 1690) hatte seine KM. unter der Assistenz des Stadtpfeifers Joh. Ambrosius Bach auszuführen. Andreas Christian Dedekind (1690 bis 1706) war der Musiklehrer des Schülers Joh. Sebastian Bach. Vermutlich der bedeutendste, Joh. Konrad Geisthirt (1706 bis 1735), hat sich auch als Dichter und Geschichtsschreiber betätigt. Nach dem Tode Joh. Wilh. Erdmanns (1810) wurde das Kantorat vom Schulamt der Lateinschule (Gymnasium) getrennt. Seit 1629 bestand neben der Kurrende ein »chorus symphoniacus«, um den steigenden Anforderungen der Figuralmusik zu genügen. In Verbindung mit sangesfreudigen Bürgern hat er bis in das 19. Jh. als wichtigster Musikfaktor des kirchlichen und kommunalen Lebens gewirkt. - Von den prot. Org., die wir seit 1560 kennen, ist Theophilius Schoesser der erste. Unter den Tüchtigen tritt Joh. Engelhardt (1613 - 1626) mit seiner handwerklich sauber gearbeiteten zweichörigen Motette »Eins bitt ich vom Herrn« hervor. Auch von seinem Nachf. Peter Albert (1626 - 1639) sind gute Motetten bekannt. 1665 beginnt die Bachsche Org.-Reihe. Als erster ist Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) bekannt, »der große und ausdrückende Componist«, dessen Meisterschaft unsere Zeit bestätigt hat. Analog den Lübecker Abendmusiken erhielt Eisenachs KM. durch ihn ihre mitteldeutsche Bedeutung. Sein Erbe fiel 1703 an Johann Bernhard Bach (1676 bis 1749) aus dem Erfurter Zweig, der auch als Komp. hervorgetreten ist (s. Artikel Familie Bach). Sein Sohn Johann Ernst Bach (1722 - 1777) übernahm das Org.- Erbe. Dem in Eisenach hoch angesehenen Künstler übertrug der Herzog in Weimar die Leitung der dortigen Hofkapelle; jedoch gab J. Ernst Bach den Org.- Platz in Eisenach nicht auf. Erst der Tod des Herzogs befreite ihn von der Doppelstellung. Für Jakob Adlungs Anleitung zu der musikalischen Gelahrtheit schrieb Joh. Ernst Bach (1758) das Vorw. Die in Eisenach gedr. V.-Sonaten verweisen den Komp. in die Gefolgschaft seines Vetters Philipp Emanuel. Wie sein Vater hatte auch Johann Georg Bach (1751 - 1797) die Rechte studiert. Obwohl er es bis zum Hofadvokaten und Stadtkämmerer brachte, räumte er den Org.-Stuhl nicht. Sein Wunsch, man möge ihm das ererbte Amt bis zur Großjährigkeit seines begabten Sohnes, Philipp Ernst Christian, belassen, blieb unerfüllt. Mit ihm brach die Bachsche Org.-Kette ab, die innerhalb von 132 Jahren in ununterbrochener Folge vier Glieder der Familie gestellt hatten. - Mit der politischen Stellung der Wartburg, die zwei Kaisertöchtern Heimat gegeben hatte (Margarete, Tochter Friedrichs II., Gemahlin des Landgrafen Albrecht des Entarteten, und Mechtild, Tochter Ludwigs des Bayern, Gemahlin Friedrichs des Ernsthaften), erstarb auch das kulturelle Leben der Stadt. Nach dem Tode Balthasars, des letzten Landgrafen († auf der Wartburg 1406), verfiel auch die höfische Kunst vorübergehend. Erst als durch Erbteilung (1596) ein selbständiges Herzogtum entstanden war, wurde der alte Landgrafenhof wieder Pflegestätte weltlicher Musik. Zu den Trompetern und Paukern gesellte sich bald ein Hoboistenkorps. Eine kleine Hofkapelle wurde durch einheimische und fremde Künstler ständig erweitert. Unter den ersteren finden wir alle Eisenacher Bache, unter den letzteren den Org. und Komp. J. Pachelbel (1677 - 1678), den vielseitigen, abenteuerlichen D. Eberlin (1667, 1672 - 1673, 1676 - 1678, 1685 - 1692), den Violinisten und Cembalisten P. Hebenstreit, den bekannten Erfinder des Pantalon (1706 - 1709), und den Lautenvirtuosen E. G. Baron (1732 - 1735). - Unter den Hofkpm. ragt der erfolgreichste Musiker jener Zeit G. Ph. Telemann (1706 - 1712) hervor. Schon im Anstellungsdekret (11. März 1707) wird gefordert, daß er »sowohl zur ordinaren Tafel- Music« als auch, »zur hiesigen Kirchen-Music alle zwey jahre einen neuen Jahrgang, worzu ihm der Text gegeben«, zu liefern hat. Auch nach seinem Fortgang bezog Telemann das Gehalt eines Geheimsekretärs. Noch von Hamburg aus versorgte er (bis 1733) den Hof mit Musikalien und politischen Nachrichten. Telemann war mit einer Tochter Eberlins verheiratet. Seit 1730 ist als Kpm. der Geiger J. A. Birckenstock nachzuweisen, der hier am 28. Februar 1733 verstarb. Als letzter namhafter Musiker ist der frz. Geiger J. Ch. Petit zu nennen. Als Eisenach und Wartburg 1741 an das Herzogtum Weimar fielen, verschwand mit der Residenz auch die Hofkapelle. In einem Briefe urteilt Telemann, daß die Eisenacher Kapelle nach frz. Art eingerichtet war und das Pariser Opernorch. noch übertroffen habe. - Über die Musik der fahrenden Spielleute des frühen MA. gibt es keine dokumentarische Aussage. Aus ihren Reihen gingen seit dem 14. Jh. die Ratsmusikanten hervor. Die Eisenacher Stadtpfeifer sind von 1566 bis 1803 lückenlos festzustellen. Sie werden als »Hausmann« bezeichnet, denn sie wohnten seit frühester Zeit auf dem noch heute erhaltenen Glockenturm. Von hier bewachten sie die Stadt. Der tägliche Wochenchoral wurde vom Rathausturm geblasen. Ihr handwerkliches Können kann nicht unbedeutend gewesen sein, denn aus ihren Reihen ging das Bachsche Geschlecht hervor. Der erste Bach, der urkundlich für Eisenach zu erfassen ist, Johann Christian (1640 - 1682), war Stadtpfeifergeselle des Christoffel Schmidt. Als dieser 1671 starb, wurde J. Ambrosius Bach aus Erfurt sein Nachf., über dessen berufliche Tätigkeit und lauteren Charakter die Ratsakten das beste Zeugnis ausstellen. Von acht Kindern wurde ihm als jüngstes am 21. März 1685 Johann Sebastian geboren. Seine Taufeintragung (23. März 1685) darf als wertvollstes Dokument der Stadt gelten. Wie die »Genealogie« bekundet, blieb Eisenach neben Erfurt und Arnstadt die Stadt, in der das Bachsche Geschlecht regelmäßige Familientage abhielt. - Das kulturelle Leben erfuhr durch die Pest (1393, 1577) und die großen Brände (1342, 1617, 1636) starke Rückschläge, deren Folgen noch im 18. Jh. fühlbar waren. Die Stadtpfeifermusik verfiel immer mehr. Es wurde geklagt, daß »jede Dorfmusik sie übertreffe«. Kleine Lichtblicke spendete das seit 1751 vorliegende »Wochenblatt«. Hier rief 1759 eine »Musikalische Ges.« zum Besuch öffentlicher Instr.-Konzerte auf. Ein »Singchor« kündigte 1760 K. H. Grauns Tod Jesu an. Da die Stadt vom Siebenjährigen Krieg und den Napoleonischen Feldzügen stark berührt wurde, war ihr Verfall nicht aufzuhalten. Die Einwohnerzahl ging auf 7000 zurück. Erst nach dem Frieden von 1813 begann ein neuer Aufstieg. 1816 wurde die »Ges. der Musikfreunde« gebildet, 1819 eine »Öffentliche Singschule« errichtet; 1827 stellte der neue Stadtmusikus Rose, Schüler Spohrs, ein brauchbares Orch. zusammen. Die Aufführung größerer Werke, darunter Haydns Schöpfung (1831), bezeugt den Willen zu künstlerischen Leistungen. Seit 1803 lag die chorische Versorgung der Kirchen bei dem neugegründeten Lehrer-Seminar: der Musiklehrer war zugleich Kantor in St. Georg und Dgt. des »Musikver.«, der 1836 gegründet wurde. Mit ihm erhielt die Stadt den führenden Kulturträger. Erst der letzte Krieg hat seinem Streben ein Ziel gesetzt. Über 250 Choraufführungen weist die Vereinsgeschichte nach. Dgt.: Chr. Adam Helmbold (1836 - 1850), Friedr. Kühmstedt (1836 bis 1857), A. Gottl. Dolch (1850 - 1859), Carl Müllerhartung (1859 - 1865), Hermann Thureau (1865 - 1905), Wilh. Rinkens (1906 - 1922), Conrad Freyse (1922 bis 1942). - Die erwachende Romantik entdeckte die Wartburg als Symbol deutscher Vergangenheit. Goethe hatte seit 1777 wiederholt auf der Burg geweilt. 1817 zog die Deutsche Burschenschaft hinauf und bekräftigte »auf der deutschesten der Burgen« ihre vaterländische Treue. Es begann die Zeit der historischen Rückstrahlung; war im MA. die Geschichte zu Sage geworden, so erhielt nunmehr die Sage ein geschichtliches Gewand. Richard Wagner schrieb seine Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg, ohne die Burg zu kennen. Erst 1849, auf der Flucht nach der Schweiz, betrat er sie. Franz Liszt komp. für die Wartburg die Legende von der Heiligen Elisabeth. Mit ihr wurde am 28. August 1867 unter Leitung des Komp. die restaurierte Wartburg eingeweiht; es war zugleich die 800-Jahr-Feier der Burg. Seit diesem Tage ist sie für das deutsche Volk zum Nationalheiligtum geworden. - Gegen das Ende des 19. Jh. erwachte auch in Eisenach endlich das Gefühl der Verpflichtung gegen den großen Sohn der Stadt: in Gottesdiensten erscheinen Bachsche Kantaten. Nicht viel früher lernte Eisenach die großen Chw. kennen: Johannes-Passion 1875, h-moll-Messe 1884 (ungekürzt zur Einweihung des Bachdenkmals unter Joseph Joachim), Matthäus-Passion 1885 (zum 200. Geburtstag Bachs). Besser erging es der Bachschen Org.-Musik; wohl alle Org. haben ihr Können durch Bachsche Fugen zur Geltung gebracht. Bemerkenswerte Spieler waren Julius Krauße (1866 bis 1890), Adolf Hempel (1890 - 1896), Camillo Schumann (1896 - 1913), Paul Hopf (1913 - 1943). - Die schnell wachsende Fremden- und Kongreßstadt wurde im 19. Jh. zum Anziehungspunkt vieler Künstler und Orch. Regelmäßig konzertierten die fürstlichen Kapellen Meiningen, Gotha, Weimar. Die Meininger (unter H. von Bülow, R. Strauß, Fr. Steinbach, W. Berger, M. Reger) sind in regelmäßigen Abonnementskonzerten nachzuweisen. Vor allem gab Reger in den Jahren 1911 - 1914 der Stadt ein reiches Musikleben. Hier fand (12. Oktober 1912) die Uraufführung seines Orch.-Liedes An die Hoffnung (Alt: Anna Erler-Schnaudt) statt. Unter den festlichen Ereignissen tritt das 27. Deutsche Tonkünstlerfest (19. bis 22. Juni 1890) hervor. Für die Erwerbung von Bachs Geburtshaus (seit 1868 durch C. H. Bitter mit einer Gedenktafel versehen) setzten sich 1905 Berliner Singakad. und Philharmonisches Orch. mit Bachs Passionen unter Georg Schumann ein. Anläßlich der Eröffnung des Bachhauses 1907 veranstaltete die Neue Bachges. das 3. Deutsche Bachfest. Von den für Eisenach im zweijährigen Turnus vorgesehenen Kleinen Bachfesten kamen drei zur Ausführung: 1911, 1913, 1917. Ihre Aufgabe war, Stil- und Klangfragen durch die Musikpraxis zu beantworten. Das umfangreichste Musikfest bildete die Musikpädagogische Woche (1927). - Von einheimischen Musikern des 19. Jh., die sich schöpferisch auszeichneten, sind zu nennen: Friedrich Kühmstedt (1809 - 1858, Oratorien Auferstehung und Triumph des Göttlichen, Oper Schlangenkönigin), sein Schüler Carl Müllerhartung (1834 bis 1908, Schöpfer des Heimatliedes »Thüringen, holdes Land)«, Camillo Schumann (1872 - 1946), Wilhelm Rinkens (1879 - 1933) und Siegfried Kuhn (1893 bis 1915), der zu den Opfern des ersten Weltkrieges gehört. Eugen d'Albert war 1888 als Eisenacher Bürger verzeichnet. - Der Zusammenschluß einheimischer Instrumentisten führte 1919 zur Bildung eines Städt. Orch., Dgt. (1922 - 1941) Walter Armbrust. Mit den Breslauer Philharmonikern, die 1946 nach Eisenach überwechselten, erhielt die Stadt ein Orch., das größeren Aufgaben gewachsen ist (Dgt. bis 1949 Peter Schmitz). Durch Vereinigung aller Thüringer Landeskirchen wurde Eisenach 1919 Bischofssitz. Damit rückte die Georgenkirche in den Mittelpunkt der Thüringer KM. 1925 wurde R. Mauersberger mit der Bildung eines Kirchenchores nach dem Vorbild der Thomaner beauftragt (Bach-Chor). Seit 1930 liegt das Kantorat bei E. Mauersberger, der zugleich Landeskirchenmusikwart ist. - Auch die Wartburg wurde in die Musikpflege einbezogen. Seit 1923 fanden Wartburg-Maientage mit Konzerten gastierender Orch. und Künstler statt (Bach-Aufführungen unter K. Straube und G. Ramin, Wagner-Aufführungen unter M. von Schillings und S. Wagner, neuere Musik unter P. Raabe u.a.). G. von Keußler brachte hier am 26. Mai 1929 sein Chw. Die Burg zur Uraufführung. P. Raabe führte zur 700jährigen Gedächtnisfeier für die einstige Landgräfin Liszts Heilige Elisabeth auf. - Das MCh.-Wesen ist in Thüringen noch lebendig. Es hatte 1847 in dem Liederfest des Thüringer Sängerbundes, das mit über tausend Sängern auf der Wartburg stattfand, einen Höhepunkt gefunden. Ein seit 1890 bestehender Arbeitergesangverein (Dgt. E. Dressel) besteht noch. Von 1920 bis zum zweiten Weltkriege faßte ein Coll. mus. (Leiter: C. Freyse) die einheimischen KaM.-Kräfte zusammen. Das Thüringer Trio (1919 - 1933; W. Rinkens, C. Freyse, später A. Kastl, A. Steinmann) erwarb weithin Ansehen. Seit 1946 besteht ein KaM.-Kreis für alte Musik (Leiter: L. u. K. Hooge). - Ob der Eisenacher Hof im Barock-Zeitalter eine Oper gehabt hat, ist nicht bekannt. Späterhin bestand keine ständige Oper. In dem 1878 der Stadt von Julius von Eichel geschenkten Theaterbau gastierten reichlich die Opernbühnen Meiningen, Gotha und Weimar. Seit 1947 besteht eine eigene Operette. 1951 wurde Eisenach Landestheater; eine eigene Oper ist eingerichtet. - Auf musealem Gebiete steht das Bachhaus mit seinen vielseitigen Erwerbungen, darunter eine historische Musikinstr.- Slg., im Vordergrunde. Die stimmungsreiche Gedenkstätte erfreut sich einer hohen Besucherfrequenz (Kustos seit 1922: C. Freyse). In der Nähe Eisenachs wurde der letzte große Bach-Fund getätigt, der als »Bach-Sammlung Manfred Gorkes« in die Literatur eingegangen ist. Das im Reuter-Haus untergebrachte Wagner-Museum (gegr. 1897) unterhält eine umfangreiche Musik-Bücherei (Dir. W. Greiner). Stadtarchiv und Kirchliches Archiv besitzen Abteilungen mit historischem Aktenmaterial zur Mg. Eisenachs. Aber die Reste der ehemals reichen Bestände hs. Musikwerke haben in auswärtigen Slgn. Aufnahme gefunden.
Literatur: Zacharias Rivander, Düringische Chronica. Von Ursprung und Herkommen der Düringer. ao. 1596; Nicolaus Rebhan, Historia Ecclesiastica Isenacensis, Hs. von 1621; Christiani Francisci Paullini Historia Isenacensis etc., Frankfurt a.M. 1698; J. Limberg, Das im Jahre 1708 lebende und schwebende Eisenach etc., Eisenach 1709; J. Chr. Olearius, Hall. Sax. Rerum Thüringiacarum Syntagma etc., Frankfurt u. Lpz. 1704; Fr. X. Wegele, Annales Reinhardsbrunnenses, Jena 1859; J. Kremer, Klösterliche Niederlassungen Eisenachs, Fulda 1905; J. Rothe, Düringische Chronik, hrsg. von R. v. Liliencron, Jena 1859; Th. Knochenhauer, Geschichte Thüringens (1039 - 1247), Gotha 1871; H. v.d. Gabelentz, Wissenschaftlicher Führer durch die Wartburg. München 1936; H. Nebe, Die Wartburg, Pößneck 1949; C. Freyse, Eisenacher Lokalforschungen, Akten des Bachmuseums 1923 - 1950; F. Rollberg, Eisenacher Lokalforschungen in Mitteilungen des Geschichtsvereins 1924 - 1936; C. Freyse, Eisenacher Dokumente, Lpz. 1923; U. Nicolai, Eisenacher Lokalforschungen in Wartburgland 1923 - 1933; C. Freyse, Hundert Jahre Musikverein, Eisenach 1936; O. Schröder, Das Eisenacher Kantorenbuch in ZfMw 1931.
Conrad Freyse
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Eisenach. Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 19633 (vgl. MGG Bd. 03, S. 1209 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]

