Allendorf/Werra
Burkhard Waldis, * um 1490 in Allendorf a.d. Werra, † um 1557 in Abterode (Hessen). Waldis war Franziskanermönch in Riga, reiste 1523 mit einer Abordnung seines Klosters nach Rom, um vom Papst Hilfe gegen die auch in Livland um sich greifende Reformation zu erbitten, wurde aber unter dem Eindruck seiner Reiseerlebnisse selber zu ihrem eifrigen Anhänger. Er verließ das Kloster, heiratete und übte das Handwerk eines Zinngießers aus; auch machte er weite Handelsreisen, die ihn bis in die Niederlande und nach Lissabon führten. In Riga kam er zu hohem Ansehen und beriet den Rat der Stadt in Münzangelegenheiten. Als er sich an einer Verschwörung gegen die geistl. Leitung des Erzbistums Riga und des Ordenslandes beteiligte, ließ der Ordensmeister Hermann von Brüggenei ihn 1536 festnehmen und hielt ihn »fast in die drithalb jar mit grosser beschwerung verhafft, dazu mit scharffer Tortur vnd bedrawung«. Seine Brüder Hans und Bernhard erreichten mit Hilfe eines Schreibens des Landgrafen Philipp von Hessen 1540 seine Freilassung, so daß er mit ihnen nach Allendorf heimkehren konnte. 1541 ließ er sich an der Univ. Wittenberg immatrikulieren; nach der Beendigung seines Studiums wurde er am 13. Sept. 1544 Pfarrer und Propst in Abterode. Dort schloß er eine zweite Ehe mit der Witwe des Pfarrers Heistermann aus Hofgeismar; seine Stieftochter heiratete den Pfarrer Balthasar Hildebrand, der sein Gehilfe und 1556 sein Nachf. wurde.
Mit dem dramatisierten Gleichnis vom verlorenen Sohn schuf Waldis 1527 »ein heftiges konfessions- polemisches Spiel, von einer dichterischen Kraft der Sprache, die über den Durchschnitt der Zeit erheblich emporsteigt« (G. Müller); dem Druck sind seine ersten drei Ps.-Lieder beigegeben. Sein Esopus, eine Slg. von 400 Tierfabeln, nimmt unter den gleichartigen Dichtungen seiner Zeit einen hervorragenden Platz ein. Waldis schuf auch Gsge. politischen Inh., mit denen er in die konfessionellen Kämpfe eingriff. In der Zeit seiner Gefangenschaft dichtete er den ganzen Psalter in 155 Liedern »mit ieder Psalmen besondern Melodien«; auch diese stammen offenbar von ihm. Sie sind von J. Heugel 4- und 5st. gesetzt worden (Autogr. Heugels in der LB Kassel, Ms. 4 Mus. 94; vgl. MGG VI, 343ff.). Einige der Ps.-Lieder wurden in GsgB. des 16. Jh. aufgenommen und weit verbreitet. Doch ist ihnen keine dauernde Beachtung geschenkt worden, obwohl sie es nach ihrem dichterischen und mus. Wert verdient hätten. Eine Melodie benutzte M. Vulpius als Vorbild für seine Weise »Hinunter ist der Sonnen Schein«.
Werke (Ausw.): De parabell vam vorlorn Szohn Luce am xv . ... Tho Ryga ynn Lyfflandt ... M. D. xxvij; Der Psalter, In Newe Gesangs weise, vnd künstliche Reimen gebracht, Ffm. 1553, Ch. Egenolff.
Ausgaben (Ausw.): 31 Dichtungen in G. v. Tucher, Schatz des ev. Kirchengsg. I, Lpz. 1848; 28 Melodien, ebda. II; 52 Dichtungen in Pb. Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied III, Lpz. 1870, 647-683; 149 Melodien in J. Zahn, Die Melodien der deutschen ev. Kirchenlieder, Gütersloh 1888-1893; 8 Dichtungen, 9 Melodien in K. Ameln, Ch. Mahrenholz, W. Thomas, Hdb. der deutschen ev. KM. III/1, Göttingen 1936ff.; 1 Lied in 4st. Satz v. J. Heugel in K. Ameln, W. Thomas, Zu guter Nacht, Kassel 1930, BVK, 4f.
Literatur (Ausw.): G. Buchenau, Leben u. Schriften des B. Waldis, Marburg 1858; E. E. Koch, Geschichte des Kirchenlieds u. Kirchengsg. I, Stg. 3/1867, 294-300 (in manchen Angaben zu berichtigen); S. Kümmerle, Encyklopädie der ev. KM. IV, Gütersloh 1895, 38-40; G. Müller, Deutsche Dichtung v. der Renaissance bis zum Ausgang des Barock, Darmstadt 1957, 147-149; J. Zahn (s. Ausg.), V, 401; Jb. f. Liturgik u. Hymnologie I, 1955, 118-120.
Konrad Ameln
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Waldis, Burkhard. Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 79408 (vgl. MGG Bd. 14, S. 146 ff.) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]
