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Die erbauliche Geschichte vom schurkischen Schulzen und dem armen Anton, dem von einem pfiffigen Pfarrer aus der Maleste geholfen ward

Mein Gewährsmann kann sich nicht dafür verbürgen, dass sich dieses Geschehnis unzweifelhaft in Gehaus zutrug. Er versicherte mir jedenfalls, den Namen Gehowes habe er auf jeden Fall nennen gehört, das könne ich ihm ganz bestimmt glauben, daran mache ihn auch nicht irre, dass er damals schon dem siebten Krug Bier auf den Grund schaute. Schließlich erinnere er sich deutlich, dass plötzlich das wilde Krakeelen der rauen Kerls abebbte und jeder dem anderen zuzischelte
„Hall doch moa di Muul, hirschte net, de Anton soll si Geschichtw verzehl!“
Binnen kurzem hätte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Es blieb ihm gar nichts anderes, er musste zuhören und je länger der Anton berichtete, desto mehr vergaß er das Trinken um nur kein Wort zu verpassen.
Und nun erzählte der Anton seine haarsträubende Geschichte, über die der Wirt beinahe um seinen Umsatz gekommen wäre - da fast keiner der Gäste seine Anpreisungen mehr ästemierte. Ich erzähle sie im üblichen Deutsch nach, das Rhöner Platt, das der Erzähler natürlich verwendete, ist nicht nur schwer verständlich, es fehlt ihm auch eine allgemein verbindliche Umschrift. Fast jedes Dorf hat seinen eigenen Dialekt, der irgendwo zwischen fränkischen, hessischem und urrhönerischem Platt liegt, je nach geografischer Lage bzw. politischer Zugehörigkeit in den verflossenen Jahrhunderten. Aber jetzt Schluss mit diesem ewigen Innehalten wegen so nebensächlichem Zeugs. Ich lasse jetzt meinen Ohrenzeugen reden, hat er doch zumindest gehört, was er gleichfalls nur teilweise verstanden haben mag. Kann es mir demgemäß durchaus nicht verkneifen, auch noch meinen Sermon obendrein abzulassen.
Der Häusler Anton war fürwahr ein armer Kerl, lebte vom Tagelohn. Nicht immer war Geld im Haus, wenn er seiner dringend bedurft hätte. Kindersegen blieb der einzige Segen, der zuverlässig dem Hausstand zukam. Wieder einmal musste ein Kind getauft werden, ohne dass das notwendige Geld dafür im Hause war. Was blieb ihm anderes, als Ausborgen von dem, dessen Geldkatze nie leer war - vom Dorfschulzen, dem schon das ganze Dorf verschuldet war und vor dem sich jeder im Dorf duckte. Nein, beliebt war er deswegen nicht der Schulze - ganz besonders deswegen, können wir wohl folgern - er jedoch genoss seine Macht und nutzte sie weidlich zu seinem Vorteil aus. Keiner seiner Feldnachbarn getraute sich aufzumucken, wenn er wieder einmal einen Streifen von des Anderen Felde zu seinem hinzu ackerte, wer wusste schon, wann er dessen Gunst früher oder später bedürftig würde. Zu jenem also ging nun Anton und bat, ihm zehn Gulden für die bevorstehende Kindtaufe zu leihen. Und dem Schulzen deuchte es eine gute Idee nach allen seinen Gemeinheiten, er solle sein Grab bewachen lassen, so es denn einmal mit ihm zu Ende ginge und sagte zum Häusler:
„Ich will dir zehn Gulden schenken, wenn du mir den Handschlag darauf gibst, nach meinem Tod die ersten drei Nächte mein Grab zu bewachen.“
Wir dürfen mit Fug und Recht annehmen, dass dem Schulzen, so eiskalt er auch war, es noch viel eiskälter in seinem Herzen wurde, wenn daran dachte wie seine Seele im Drüben heil ankommen sollte. Selbst die verstockteste Seele trägt auf ewig eingebrannt die Ahnung dessen, was einen Mitmenschen ausmacht. Der Häusler - ihn drückte seine Not jetzt mehr als der Gedanke an den fernen Tod des Schulzen - sagte sich: kommt Zeit kommt Rat und schlug ein.
Einige Jahre darauf hatte der Schulze seine letzte Furche gezogen und Gott erwartete nun, dass er seines Lebens Ernte einfahre; das Dorf atmete hörbar auf. Dem Häusler freilich fiel nun seine Zusage ein, die er dem Schulzen einst gegeben hatte. Beim Gedanken daran, nachts alleine am Grab des Schulzen Wache halten zu müssen, gruselte ihn alsbald gewaltig. So verfiel er auf die zuversichtliche Idee, die ganze Geschichte dem Pfarrer zu erzählen, auf dass der ihm rate, wie er das Versprechen umgehen könne.
„Du wirst deine Zusage wohl einhalten müssen, versprochen ist versprochen,“
ermahnte ihn der Pfarrer,
„doch harmlos wird es nicht werden:“
Wusste allenthalben doch jeder, der Schulze stände mit dem Teufel im Bunde, da ihm alles nur zu seinem Vorteil geriet. Weh, wie wurde dem armen Häusler weich in den Knien!
„Und wenn nun der Teufel kommt, dessen Seele zu holen...“
fing er an zu jammern
„Du hast es zugesichert, nun steh es durch“
fiel ihm der Pfarrer ins Wort,
„doch da du es aus blanker Not tun musstest, helfe ich dir und ziehe einen geweihten Kreis am Grab in den ich einen Kirchenstuhl stelle. Auf dem bleibst du sitzen, egal was passiert - im Kreis kann dir nichts geschehen. Zur Sicherheit gebe ich dir noch einen gesegneten Stock mit - für alle Fälle.“
Der Häusler machte sich vor Anbruch der Dunkelheit auf den Weg zu des Schulzen Grab, setzte sich auf den Stuhl und wartete bangen Mutes, ob ihn der geweihte Kreis denn schütze - vor was auch immer. Es blieb alles ruhig bis es vom Kirchturm Elf schlug, da erhob sich ein furchterregendes Brausen in der Luft und er sah den Leibhaftigen, gewaltig nach Schwefel stinkend, mit Schaufel und Hacke plötzlich am Grab. Doch was gewahrte er da bei genauerem Hinsehen? Das war kein Schrecken erregendes Ungetüm, kein einschüchternder Dämon, eine ekelhafte Missgestalt zwar - doch wie jämmerlich in ihrer Erbärmlichkeit! So einer konnte nur einem mächtigeren Herrn die Schmutzarbeit verrichten müssen. Das lächerliche Männlein begann hektisch des Schulzen Sarg freizuschaufeln, riss den Sargdeckel herunter, dann dem Toten die Kleider und schließlich das Fell vom Leib, ohne bei all dem Eifer zu bemerken, dass er nicht alleine war. Alsdann warf er die Haut des Schulzen eilig hinter sich und schmiss den so Malträtierten wieder in den Sarg. Der Häusler indessen zog mit dem geweihten Stock des Schulzen Haut schnell zu sich in den Kreis. Da nun der Teufel nach des Schulzen Fell grapschen wollte, war dort nichts mehr zu finden. Er blickte sich verdutzt um und gewahrte endlich den Häusler auf seinem Stuhl und bei ihm das Schulzenfell. Grässlich fauchend raste Urian hilflos um den geweihten Kreis, konnte jedoch nicht gegen den heiligen Zauber ankommen und zog zuletzt töricht wetternd, grummelnd und dräuend erfolglos davon. Als es hell wurde legte Anton die Haut des Schulzen in dessen Sarg und schaufelte das Grab so gut es ging wieder zu.
Am Tage ging er zum Pfarrer und berichtete, was ihm geschehen war in der Nacht. Der Pfarrer rieb sich zufrieden die Hände - amüsiert, dass sie dem Satan ein solches Schnippchen schlagen konnten und machte dem Häusler Mut, die nächsten Nächte ebenso so tapfer auszuhalten. Doch solle er den Pferdefuß unbedingt fragen, was er mit des Schulzen Fell denn Gewichtiges vorhabe. Der Häusler wartete in der Nacht erneut auf den Teufel und ob der nach dem Schulzenfell fragen würde. Punk elf Uhr kam er denn auch wieder mit gewaltigem Theaterdonner, stampfte mit dem Pferdefuß vor dem Kreis auf und verlangte das Fell des Schulzen. Der Häusler sagte diesem bornierten Abhub ganz ungeniert:
„Das Schulzenfell habe ich in der Kirche versteckt, ich muss erst wissen, wozu du es brauchst, anders kriegst du es nicht.“
Der Teufel, in der Hoffnung das Gesuchte hinterher zu bekommen, eröffnete:
„Das Schulzenfell will ich in so viele kleine Fetzen zerreißen, wie der Schulze zu Lebzeiten Flurstreifen den Anrainern weggeackert und seinen Grundstücken zugeschlagen hat. Die Schnipsel, denn zu größerem wird es nicht reichen, vergrab ich dort einzeln im unrechten Gut und dann muss der Schulze als feuriger Mann auf den Flurgrenzen so lange ruhelos herumstreifen, bis seine Erben alle Ungerechtigkeit gutgemacht haben. Jedenfalls bleibt der Schulze in meiner Gewalt bis das passiert ist.“
Der Häusler vertröstete den Teufel auf die nächste Nacht, denn:
„Solange du in meiner Nähe bist, gehe ich nicht aus diesem himmlischen Kreis und also bekommst du auch das Fell jetzt nicht, gedulde dich bis morgen in der Nacht. Hier am Grab will ich dann noch einmal ausharren.“

Der Teufel und der Häußler

Der Häusler schilderte dem Pfarrer ausführlich die zweite Nacht mit dem Teufel. Dies zu hören erfreute den Pfarrer über die Maßen, er machte sich sofort zu des Schulzen Erben auf und ermahnte sie streng, das gestohlene Gut herauszugeben und das Unrecht des Schulzen auf der Stelle wieder gutzumachen, da sonst Dies und Das dem Schulzen drohe. Die Erben taten, auch in Sorge um ihre eigene Seele, schleunigst was der Pfarrer ihnen empfahl und so konnte der Pfarrer dem Häusler kundtun:
„Gehe getrost zur letzten Nachtwache an des Schulzen Grab, der Teufel wird sich nicht mehr blicken lassen.“
Und so geschah es auch. Bleibt mir nur noch zu berichten, welches befreiende Gelächter nach diesem Bericht in der Schenke ausbrach über die teuflische Jammergestalt und den mutigen Häusler, dem jeder die Schulter klopfen wollte. Natürlich konnte ihm der Satan nichts antun, wie auch, wenn einem Gott in dem Pfarrer beistand.
Unverkennbar ist Gott ein gerechter Richter, er überlässt nur die verstockten Übeltäter dem Teufel und beschützt die Rechtschaffenen und Bußfertigen, denn der Teufel ist nur mächtig über die Gottlosen und ein von der Schurkerei der Menschen abhängiger Popanz.

Wir leben in `nem Land